Was ist ein KünstlerBilderBuch? oder: Das Bilderbuch als künstlerisches Medium

 

Ende der 80er Jahre kurz vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, sah ich im Slowakischen Bratislava, das damals noch grau und ziemlich verfallen wirkte, im Fenster eines ehemaligen Ladengeschäfts eine Ansammlung kleiner roter Papierskulpturen. So lernte ich Arbeiten der tschechischen Künstlerin Květa Pacovská kennen. Die zarten, dreidimensionalen Gebilde faszinierten mich noch mehr, als mir die Galeristin einige von Pacovská illustrierte Bücher, z.B. “Rumpelstilzchen erzählt“ aus dem Jahr 1984, zeigte zusammen mit einigen freien Grafiken. Wie ging das zusammen? Die sehr flächigen, an konkrete Formen und Figuren erinnernden Illustrationen einerseits und die Räume beschreibenden, abstrakten Papierskulpturen andererseits?

 

1990 kam es während der internationalen Kinderbuchmesse in Bologna zu einem für mich unvergessenen Erlebnis. Die Künstlerin, die sich bislang in der kommunistischen regierten Tschechoslowakei mit Illustrationsarbeiten für den Buchdruck auf stark holzhaltigem, gelbstichigem Papier zufrieden geben musste, kämpfte ebenso zäh wie liebenswürdig um jedes kleinste Detail ihres ersten, größeren im Westen beim Ravensburger Buchverlag angenommenen Projekts. Einige mögen es bereits erraten haben: Es ging um das Zahlenbuch “Eins, fünf, viele“(s. Sammlung), ein Buchobjekt mit Spiralbindung, aus festem, hochglänzendem Papier mit Prägungen, Stanzungen und kleinen Klappen, kurz, mehr um ein starkfarbiges Papierobjekt mit collageartig eingesetzten Zahlen und Wörtern als um ein Bilderbuch. Die Künstlerin setzte sich für ein Kunstobjekt oder auch ein Künstlerbuch für Kinder ein, das am Ende industriell produziert und in den üblichen Kreislauf des Buchvertriebs aufgenommen werden sollte. Nicht nur für mich war das ein völlig neues Verständnis eines Bilderbuchs, auch der Verlag folgte dieser Maximalforderung an künstlerische Qualität und überzeugende Materialität eher zögernd.

 

Damals verstand ich, dass es Květa Pacovská um das Bilderbuch als künstlerisches Medium ging, dessen technische Herstellung sie selbst im Vorhinein mit zu bedenken hatte und die sie keinesfalls allein der Herstellungsabteilung eines Verlages überlassen wollte. Nur so, wie die Künstlerin ihr Buch unter der Prämisse eines Auflagendrucks entworfen und gestaltet hatte, konnte es erscheinen, so, wie Farben, Formen und Materialien sich bedingen, kann es bestehen – kein bisschen anders. Als erfahrene Druckgrafikerin, die sich mit der Endlichkeit der Träger im manuellen Druckverfahren auskannte, sah Pacovská in diesem und vielen ihrer späteren Buchobjekte eine Art Multiple, also ein Kunstobjekt in limitierter Auflage. Seither sind ihre Arbeiten für Kinder maschinell hergestellte Künstlerbücher und entsprechen dem, was ich unter anderem als KünstlerBilderBuch ansehe.

 

Eine allgemein gebräuchliche Bezeichnung für diese besondere Form von Bilderbüchern gibt es bisher nicht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird von einigen Verlagen der Begriff  “Künstler-Bilderbuch“ oder “künstlerisches Bilderbuch“ als eine Art Reihentitel verwendet, so beispielsweise von den Verlagen Jos. Scholz in Mainz oder dem Georg W. Dietrich Verlag mit seinen “Münchner Künstler-Bilderbüchern“. Im Zuge des um die Jahrhundertwende aufkommenden kunstpädagogischen Anspruchs baten diese und andere Verlage bekannte Künstler um Beiträge für ihr Bilderbuchprogramm. Format, Umfang und eine gut reproduzierbare grafische Technik waren meist vorgegeben. Diese “künstlerischen Bilderbücher“ waren Teil des Buchmarktes und unterlagen seinen Bedingungen.

 

Im Falle des von mir so bezeichneten KünstlerBilderBuchs geht es jedoch um freie Arbeiten, die eine deutliche Nähe zum Künstlerbuch erkennen lassen und die mit Glück und oft viel später einen Verlag gefunden haben. Unter einem Künstlerbuch ist ein meist als Unikat vom Künstler erstelltes Buch zu verstehen, das aus vielerlei Materialien bestehen kann und allenfalls in kleinster Auflage manuell vervielfältigt worden ist. „A book is more than a book when it becomes a work of art” formuliert die amerikanische Kunsthistorikerin Donna Stein 2001 in ihrem Essay für den Katalog “Artists’ Books in the Modern Era“ des Fine Arts Museum in San Francisco.

 

Damals begann ich, nach solchen Bilderbuch-Kunstwerken Ausschau zu halten und Orte zu finden, wo man Bilderbücher sammelt, die von Künstlern im Rahmen und als Bestandteil ihrer Kunst konzipiert wurden und das Bilderbuch als eigenständiges, künstlerisches Medium verstehen. Meine bibliografische Recherche führte zu allererst zu dem Katalog “Künstler illustrieren Bilderbücher“ aus dem Jahr 1986. Die Herausgeber Jens Thiele und Detlef Hoffmann vom Fachbereich Kunst und Kunstpädagogik der Carl von Ossietzky - Universität in Oldenburg hatten mit einem Team, soweit ich sehe, eine erste Sammlung von Büchern, auch für Kinder, die bekannte Künstler mehrheitlich aus dem deutschsprachigen Raum illustriert haben, für eine Ausstellung zusammengestellt und ein sorgfältig erarbeitetes Nachschlagewerk vorgelegt.

 

Allerdings gibt die historisch angelegte Sammlung nicht nur einen Überblick über Bilderbücher, sondern über alle möglichen Formen des illustrierten Buches. Sie beginnt mit der ersten, von Ludwig Emil Grimm illustrierten Ausgabe von 50 Märchen der Brüder Grimm aus dem Jahr 1825, die keineswegs als Kinderbuch gedacht war. Die Zusammenstellung endet im Jahr 1985 mit der deutschen Fassung des Bilderbuchs von Tony Ross “Ich komm dich holen!“ (“I’m coming to get you“). Bekannte Ausgaben der Buchkunst des 19. und 20. Jahrhunderts sind ebenso vertreten wie der berühmte “Struwwelpeter“ (s. Sammlung) des Frankfurter Kinderarztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann oder das posthum zusammengestellte “Kinderalbum“ (s. Sammlung) des preußischen Malers Adolf von Menzel, dessen Gouachen zunächst als Einzelblätter zwischen 1861 und 1883  entstanden sind.

 

Der Titel “Künstler illustrieren Bilderbücher“ ist also eher als Projekt zu verstehen, das illustrierte Bücher des 19. und 20. Jahrhunderts unter Gesichtspunkten herausragender ästhetischer Gestaltung versammelt, darunter auch solche, die eindeutig zur Gattung “Bilderbuch“ gehören.

 

Einen konkreteren Abgrenzungsvorschlag für das KünstlerBilderBuch hat der Wiener Kinderbuchsammler und -forscher Friedrich C. Heller vor einigen Jahren vorgestellt. In seinem sehr lesenswerten Handbuch zum künstlerisch illustrierten Kinderbuch in Wien 1890 bis 1938 mit dem Titel “Die bunte Welt“, erschienen 2008, schlägt er die Bezeichnung “Privates Bilderbuch“ für solche Bücher vor, die von Künstlern weder als Auftrag noch als in erster Linie zum Druck vorgesehen waren. Ein Teil der in meiner Sammlung vorgestellten Bücher entspricht dieser Definition, als übergeordneter Begriff erscheint er mir jedoch zu eng. Er bezieht sich vor allem auf den Entstehungsprozess eines Buchprojekts und vernachlässigt den in meinen Augen entscheidenden Aspekt des Bilderbuchs als absichtsvoll gewähltes, künstlerisches Medium.

 

Wie also lässt sich diese bestimmte Kategorie von Bilderbüchern, die von

Bildenden Künstlern als eigenständiges, künstlerisches Medium verstanden wird, von anderen, künstlerisch anspruchsvollen Bilderbüchern abgrenzen? Und vor allem: Wo lassen sich Bücher dieser Art in die Hand nehmen, wo weitere entdecken? Mangels eines entsprechenden Schlagworts in einschlägigen Bibliothekskatalogen bleibt nur die Suche in den Beständen selbst. Der umfangreiche Bestand des Bilderbuchmuseums Burg Wissem in Troisdorf, einem Spezialmuseum für Bilderbücher und Originalillustration, erschließt sich nur vor den Regalen selbst, ebenso wie im Klingspor Museum in Offenbach/ Main, das neben den Sammelgebieten Typografie, Kalligrafie und Künstlerbuch auch Bilderbücher sammelt. Auch in der Internationalen Jugendbibliothek in München, die Kinder-und Jugendliteratur aus aller Welt in den Originalsprachen sammelt, oder z.B. in der Kinder- und Jugendbuchbuchabteilung der Berliner Staatsbibliothek verstecken sich möglicherweise eine Reihe von KünstlerBilderBüchern, die ohne zuvor bekannte bibliographische Angaben nicht auffindbar sind.

 

Auch in großen wissenschaftlichen Bibliotheken wie etwa in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, wo seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts eine umfangreiche Sammlung an Künstler- oder Malerbüchern aufgebaut wurde, verstecken sich KünstlerBilderBücher unter den jeweiligen Künstlernamen, ebenso wie in einschlägigen Kunstarchiven. Der Zugang kann jedoch auch hier stets nur über zuvor bekannte bibliographische Daten erfolgen.

 

Eine wichtige Fundstelle für internationale KünstlerBilderBücher bildet das Archiv O.P.L.A. (Oasi per libri artistici) der Stadtbibliothek Meran/Südtirol (opla.gemeinde.meran.bz.it), das während der Kinderbuchmesse in Bologna 1997 vorgestellt wurde. In Meran werden “Libri d’artista per bambini“ gesammelt, also “Künstlerbücher für Kinder“, ein Begriff, der in deutscher Übersetzung nicht funktioniert, weil hierzulande Künstlerbücher, wie oben beschrieben, gemeinhin als Unikate außerhalb des Buchmarktes bezeichnet werden. In Meran sind die “Libri d‘Artista“ eine Spezialsammlung auf der Grundlage einer sehr weit gespannten Begrifflichkeit mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit besonders von Bibliothekaren und Pädagogen auf herausragende Bilderbücher zu lenken.

 

O.P.L.A. wird unterstützt von der Verlegerin Marcia Corraini, deren Verlag Corraini Edizioni in Mantua / Italien sich seit Jahren um Nachdrucke  von Büchern italienischer (Bilderbuch-) Künstler bemüht, darunter an erster Stelle Bruno Munari. Die französischen Verlage “Les Trois Ourses“, Paris, und “Éditions MeMo“, Nantes, legen ebenfalls immer wieder sorgfältig edierte Reprints älterer, teils internationaler KünstlerBilderBücher vor, von denen einige auch in meiner Sammlung zu finden sind.

 

Einen weiteren Impuls zur Beschäftigung mit dem Thema gab die Ausstellung „Kunst – ein Kinderspiel“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle, 2004, verantwortet von den Kunsthistorikern Max Hollein und Gunda Luyken. Der zugehörige Katalog stellt bis heute für den deutschsprachigen Raum das umfassendste Material zum Bereich Spielzeug und Bücher von Künstlern für Kinder zusammen. Diese Ausstellung spürt der Frage nach, wie sich Künstler mit der Welt der Kinder beschäftigt haben, beschreibt mit reichhaltigem Material insbesondere verschiedene Arbeiten von Künstlern im Umfeld von Dada, De Stijl und Bauhaus. Besonders die beiden zuletzt genannten Kunstströmungen richten ihr Augenmerk auf das gesamte Lebensumfeld des Menschen und streben dessen ästhetische Neugestaltung an. Darunter fallen natürlich auch Bilderbücher, die allerdings oft nicht zum Druck kommen.

 

So treffen wir im Katalog auf Wiedergaben von Fotocollagen von Alice Lex-Nerlinger und ihrem Mann Oskar Nerlinger, die sie für verschiedene Bilderbücher gestaltet haben. Alice Lex-Nerlingers Bilderbuch-Blätter aus dem Jahr 1928 zeigen vor allem Tiere und Kinder, ausgeschnitten aus eigenen Fotos oder gefundenem Material und sind auf farbige Gründe montiert. Oskar Nerlinger, der sich auch einen Namen als Werbegrafiker gemacht hat, stellt in seinem „Kinderalbum“, an dem er 1927 arbeitete, kühne Montagen von Autos, Sportlern und technischem Gerät zusammen, deren Dynamik bis heute fasziniert. Die Originalblätter befinden sich in der Stiftung Archiv der Bildenden Künste, Berlin.

 

Zu den Künstlern dieser Jahre gehört auch Hannah Höch, deren „Bilderbuch“

(s. Sammlung) allerdings erst 1945 entsteht, jedoch das Glück hat,1985 in einer bibliophilen Ausgabe und 2008 nochmals gedruckt zu erscheinen. Hannah Höch gehört zum Berliner Freundeskreis der Dada-Bewegung um Kurt Schwitters (s. Sammlung) und gilt zusammen mit Ihrem Partner dieser Jahre, Raoul Hausmann, als Erfinderin der Fotomontage.

 

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass im kunsthistorischen Kontext immer wieder Buchprojekte von Künstlern für Kinder auftauchen, die oftmals aus den unterschiedlichsten Gründen nicht fertiggestellt, vervielfältigt oder gedruckt worden sind. Sie bleiben weithin unbekannt, wenn sie nicht doch noch als Verlagsproduktion den Weg in die Öffentlichkeit finden oder in einer Ausstellung als Originalarbeiten gezeigt werden. Zuletzt präsentierte im Jahre 2010 das Picasso Museum in Malaga, Spanien, die Ausstellung “Toys of the Avant-Garde“, darunter auch Originale einiger Bilderbücher. Der zugehörige Katalog ist eine weitere Fundgrube zum Thema Kunst für Kinder.

 

Zurück zu meinen Ausgangsfragen: Wie und wo lassen sich Bilderbücher aufspüren, die meiner Vorstellung vom KünstlerBilderBuch entsprechen und wie gelangen sie in meine Hände? Über die Jahre konnte ich mit Spürsinn und Finderglück eine  kleine Privatsammlung von Originalausgaben, Reprints, Faksimiles, Nachdrucken und Neuauflagen zusammenstellen, nicht ohne auf den Dienst spezialisierter Antiquariate zurückzugreifen. Ein Beispiel für einen solchen Fund ist Christoph Meckels Buch „Amüsierpapiere“ (s. Sammlung), das des bekannten deutschen Dichters und Malers vehementen Umgang mit farbigen Kreiden, Pinsel, Feder und Tusche zeigt, erschienen 1969 im Münchner Ellermann Verlag. Es blieb ebenso unbemerkt wie selten.

Gelegentlich überraschen mich auch Hinweise von Freunden, beispielsweise derjenige auf die “ Bildergeschichte“, des Schweizer Dichters und Malers Friedrich Dürrenmatt (s. Sammlung), die 2013 posthum veröffentlicht wurde.

 

Meine Akzentuierung des Bilderbuchs als künstlerisches Medium betont besonders die Verbindung von Bildender Kunst und Bilderbuch, wohl wissend, dass diese äußerst heterogen und vielschichtig ist. Wie beschrieben mäandert meine Recherche von mir bekannten Künstlernamen zu Orten wie Museen oder Galerien, wo sie möglicherweise zu finden sind. Sie lebt von Zufällen und unerwarteten Begegnungen. So traf ich in der fabelhaften Ausstellung “Otto Dix. Der böse Blick“, 2017 in Düsseldorf, zu meiner Überraschung auf die erst kurz zuvor aufgefundenen Originale des als verschollen gegoltenen “Bilderbuch für Hana“ (s. Sammlung).

 

Meine Sammlung von KünstlerBilderBüchern verfolgt das Ziel, diesem sehr speziellen Buchbereich Aufmerksamkeit zu verschaffen und die vielen wunderbaren Buchkunstwerke vor dem Vergessen zu bewahren. Ihnen gebührt ein Ehrenplatz sowohl unter den Bilderbüchern als auch den Künstlerbüchern. Sie sind “Leuchttürme“ im Meer der Bilderbücher, die den Blick auf die Kunst im Bilderbuch lenken und Kindern erste Begegnungen mit der Bildenden Kunst ermöglichen.

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