Conrad Felixmüller (1897 - 1977)

ABC.

Ein geschütteltes, geknütteltes Alphabet in Bildern mit Versen

 

Zusammen mit Londa Felixmüller

Leipzig: Edition Leipzig,1984

Nachwort von Dieter Gleisberg

[16] Bl., kolorierter Holzschnitt

26 x 35 cm, farb. Pd.

 

Faksimile der 1925 erschienen Vorzugsausgabe nach dem Exemplar von Titus Felixmüller (Nr. 94) mit handschriftlicher Signatur unter jedem Bild rechts.

Das Buch und seine Geschichte

Das Buch entsteht im Selbstverlag in zwei Ausgaben, gedruckt auf einfachem Ingrespapier und auf Bütten. Einige der Büttenausgaben kolorierte Felixmüller eigenhändig. Das erste Blatt zeigt den Künstler beim Holzschnitt und seine beiden Jungen, die zuschauen. Das Blatt enthält in großer, ebenfalls geschnittener Schrift die Widmung: „Für meine Kinder Luca und Titus und für die Kinder meiner Freunde.“ Es war also zugleich dazu gedacht, verkauft zu werden und ein wenig Geld einzubringen. So entstanden 100 bibliophile Sammlerexemplare und 250 Exemplare als Volksausgabe. Alle Holzschnitte hat Felixmüller mit FM monogrammiert.

 

Die querformatigen Bilder enthalten meist zweizeilige, in Holz geschnittene Textzeilen als dominantes, gestaltendes Element. Sie sind sehr unterschiedlich in die Bildgestalt einbezogen, mal als Block, mal quer als Doppelzeile, als schräges Schriftband oder als freie Kurvatur. Die Bilder beeindrucken durch den Wechsel von schwarzem oder weißem Grund, teils sogar innerhalb eines Bildes. Jede Seite ist eigenständig aufgefasst. Beim Blättern entfaltete sich eine erstaunliche Abfolge von Tieren, Menschen und Landschaften, das der vorgegebenen alphabetischen Reihung einen eigenen Erzählreigen entgegenstellt. Da heißt es beispielsweise zu den Buchstaben E und F: Ein Riese ist der Elefant / Der Fotograf knipst ihn gewandt. Der mit erhobenem Rüssel kräftig ausschreitende Elefant dominiert das Bild, klein im Vordergrund links unten sehen wir den Fotografen unter einem violetten Tuch an seiner Kamera hantieren.

 

Felixmüller hat den einfachen Schüttelreimen seiner Frau variable Bildstrukturen zugesellt und zugleich der kindlichen Erwartung nach Unterhaltung entsprochen. Entstanden ist ein dem Expressionismus nahestehendes „Malerbuch“, das mit Virtuosität und Spielfreude das Thema ABC-Bilderbuch aufnimmt. In ihrer Flächigkeit entsprechen Figuren und Gegenstände einer abstrahierenden Bildauffassung, die Bildordnung, die die jeweiligen Buchstaben als Initialen hervorhebt, folgt jedoch unverkennbar einem komplexen Aufbau. So beispielsweise bei den Buchstaben G und H, die eine Glockenblume mit einem Hasen zu verbinden aufgibt und ein großes Tier im Sprung zeigt, umrahmt von ausladend schwingenden Blüten.

 

Am Schluss findet sich als eine Art Endpunkt ein kleineres Bild des Druckers, der einen Bogen aus der Druckmaschine zieht mit der Aufschrift: “Unter meiner Aufsicht vom Oberdrucker Zielinski in der Firma F. Emil Boden Dresden im Dezember 1925 gedruckt. Darunter mit blauer Tinte findet sich der Hinweis: Eigenhändig coloriert - Conrad Felixmüller.

Kurzvita

Conrad Felixmüller, geboren 1897 in Dresden, gestorben 1977 in Berlin, ist ein bekannter Maler und Grafiker der Neuen Sachlichkeit, des Spätexpressionismus und später eines individualisierten Realismus.

Ab 1912 besucht Felixmüller die Dresdner Kunstakademie, die er drei Jahre später bereits wieder verlässt, um als freier Künstler zu arbeiten. Felixmüller ist Mitbegründer der Dresdner Sezession Gruppe 1919 und Mitarbeiter verschiedener Zeitschriften des Expressionismus als Autor und Grafiker. In dieser Zeit versteht er sich als politischer Künstler und tritt der KPD bei. Ab Anfang der 30er Jahre verändern sich Anliegen und Stil zu einem eher ruhigen, nuancierten Realismus. Vor allem in seinen Holzschnitten widmet sich der Künstler Motiven des alltäglichen Lebens. 1933 sind 40 seiner Arbeiten Teil der Dresdner Vorgängerausstellung der großen Ausstellung „Entartete Kunst“ mit dem Titel „Spiegelbilder des Verfalls in der Kunst in Dresden“. 1937 werden 151 seiner Bilder aus öffentlichem Besitz beschlagnahmt, 1941 wird seine Berliner Wohnung von Bomben zerstört. Von 1949 bis 1961 lehrt er in Halle Malerei und lebt nach seiner Emeritierung wieder in Berlin. Felixmüller hat neben Bildern in großen öffentlichen Sammlungen ein umfangreiches grafisches Werk hinterlassen, darunter eine Reihe Porträts berühmter Zeitgenossen.

Literatur/Links

Ingrid Mössinger/ Thomas Bauer-Friedrich (hrsg.)

Conrad Felixmüller. Zwischen Kunst und Politik, Köln: Wienand, 2012

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