Salvador Dali (1904 - 1989)

Alice's Adventures in Wonderland

Text: Lewis Carroll
Princeton, New Jersey: Princeton University Press, 2015
150th Anniversary Edition
XXX S., Einführung mit Texten von Mark Burstein und Thomas Banchroff
104 S., 12 farb. Heliogravuren, 1 farb. Radierung
Signaturen als Holzschnitt im Bild 
26 x 18,5 cm, Ln, farb. Schutzumschlag

 

OA: New York, 1969: Maecenas Press, Imprint of Random House

Illustrationen gedruckt als Heliogravur 
Lose Blätter in Kassette, Auflage 2700 Ex.

Das Buch und seine Geschichte

Lewis Carrolls Buch aus dem Jahre 1865 zählt zu den international bekanntesten Klassikern der Kinderliteratur. Geliebt und verehrt besonders in englischsprachigen Ländern, befassten und befassen sich bis heute Künstler überall auf der Welt mit diesem ungewöhnlichen, phantastischen Text. Verehrt von Erwachsenen als eine Mischung von Traumspiel, Phantasiereise, Worträtseln, Nonsense und humoristischen Arabesken, begeistert das Buch junge Leser besonders als phantastisches Märchen. Mehr als 60 Jahre nach seinem Erscheinen fand das Buch große Beachtung bei den französischen Surrealisten um André Breton und regte seither immer wieder Künstler zu neuen Bildschöpfungen an.

 

Der Anlass für Salvador Dalis Beschäftigung mit dem literarischen Stoff ist nicht geklärt. Wohl aber lässt sich eine Spur zu Bildern des Künstlers aus den 30er Jahren (Burstein, S. XI) in der Figur eines Mädchens mit Springseil zurück verfolgen, die in allen seinen Alice-Bildern anzutreffen ist. Diese meist zarte Zeichnung, oft klein und versteckt, intoniert die Anwesenheit der Heldin, auch wenn Dali seine Bildmotive zu den Kapiteln sonst frei assoziiert. Ein anderer Bezug zu älteren Arbeiten des Künstlers bildet die Darstellung der Uhr im Bild von Kapitel sieben (s.u.) zu seinem berühmten Gemälde „Die Beständigkeit der Erinnerung“, 1931, im Museum of Modern Art in New York.

 

Dalis ursprüngliches Projekt ist eine Mappe mit zwölf Bildern zu den zwölf Kapiteln des Buches, einer zusätzlichen Titelillustration und dem Text der Originalausgabe. An der Technik für dieses Illustrationswerk hat Dali lange Jahre gearbeitet. Das kommt der hier vorgestellten Neuauflage der Buchausgabe überzeugend zugute.

 

Die zwölf ganzseitigen Bilder beziehen sich sowohl auf wichtige Motive der Kapitel als auch den weiteren Fortgang der Erzählung. Das weiße Kaninchen des ersten Kapitels begegnet uns als große Farbform, begleitet von seiner kleinen, zarten Strichkontur inmitten von Pflanzen andeutenden Ornamenten. Daneben ist eine kleine Mädchenfigur unter einem großen Springseilbogen zu sehen, begleitet von ihrem Schatten. Die Doppelung des Seilbogens, der auch ein Spiegel sein könnte, betont die Mädchenfigur auf einem dunkelfarbigen Pilz. Dieser Pilz verbindet sich mit demjenigen von Kapitel fünf  (Rat einer Raupe), der seit Tenniels kanonischer Illustration der Raupe meist als eine Art Thron dient. Dali wählt für sein Bild eine Art Baum mit einer kleinen grünen Raupe auf dem Pilzhut. Daneben jedoch nimmt eine übergroße, eher bedrohlich wirkende, einem Drachen ähnelnde Raupe viel Raum ein. Diese Darstellung lässt sich als Entsprechnung zu der von der kleinen Heldin als unfreundlich und abweisend empfundene Redeweise der Raupe sehen. Die Doppelfigur der Seil springenden Alice oberhalb der kleinen grünen Raupe steht dagegen für Leichtigkeit, Zuversicht und Übermut, die den gesamten Text durchziehen.

 

Dalis assoziativer Umgang mit den Motiven des Textes veranschaulicht auch sein Bild zu Kapitel sieben (Die verrückte Teegesellschaft). Ein das Bildformat beherrschender Baum schiebt seinen Stamm durch die Mitte einer deformierten Tischplatte, deren schmale Enden nach unten gebogen sind. Neben einigen Teetassen sind darauf Zahlen in Form des Ziffernblattes einer Uhr angeordnet, ein Motiv seiner surrealistischen Bilder der 30er Jahre. Mit ihm bringt der Künstler eine wichtige Grundhaltung von Carrolls Text ins Spiel: Phantastik und Unordnung, Nonsense und Ideenwirrwarr stellen sich Logik, Vernunft und Konventionen auf gleicher Ebene entgegen. Das obere Drittel der Bildfläche nimmt eine Baumkrone mit farbig angedeuteten Blütenständen ein, die von detailreich gezeichneten Schmetterlingen kontrastiert werden. 

 

Dalis komplexe künstlerische Technik der Heliogravur verbindet dominante, farbig verlaufende Partien mit Elementen einer Strichzeichnung und lässt unterschiedliche Raumebenen entstehen. Der Ambivalenz des Textes stellt der Künstler seine bildhafte Vorstellung des phantastischen, surrealen Traumgeschehens zur Seite. Dabei geht er weit über die gegenständlichen Motive der Erzählung und ihre Realitätsbezüge hinaus, um bildhafte Entsprechungen für Emotionen, widerstreitende Eindrücke und Illusionärem zu finden.

Kurzvita

Salvador Dali, geboren 1904 in Figueras/Katalonien (Spanien), gestorben 1989 ebenda, spanischer Surrealist, Maler, Grafiker und Schriftsteller, gilt als einer der bekanntesten und produktivsten Künstler des 20. Jahrhunderts.


Ab 1921/1922 studiert Dali an der Academia San Fernando in Madrid.  Beeindruckt von Sigmund Freuds Psychoanalytischer Theorie entwickelt Dali in den 30er Jahren seine Kunst des Unterbewußten, Irrationalen, Absurden, “Ver-Rückten“. Für kurze Zeit ist er Mitglied der Surrealistengruppe um André Breton, die seine politischen Ansichten jedoch ablehnt und ihn ausschliessen. 1940 geht er mit seiner Frau und Muse Gala in die USA und feiert dort große Erfolge. Ab 1948 wieder in Europa, zieht das Paar 1970  nach Figueras. Dort errichtet Dali im zerstörten ehemaligen Theater sein eigenes Museum als Gesamtkunstwerk, das Teatre Museu.

Literatur/Links

Mark Burstein: Dodgson and Dali, Vorwort der vorliegenden Ausgabe, Princeton, 2015

 

Robert Descharnes, Gilles Néret: Dali. Das malerische Werk
Köln, 1993, 2 Bde

 

Alice in Wonderland. Through the Visual Arts, Ausstellungskatalog
Liverpool: Tate Publishing, 2011

Zurück zur Sammlung