Yayoi Kusama (geb. 1929)

Lewis Carroll's Alice's Adventures in Wonderland

Penguin Classics
London: Penguin Books, 2012


182 S., durchgehend farbig gestaltet
19,5 x 22,8 cm, Ln, farbig bedruckt

“I, Kusama, am the modern Alice in Wonderland.”
Das Buch und seine Geschichte

Dieses durchgehend bebilderte Buch ist ein weiterer Solitär in dieser Sammlung. Von Umfang und Terminologie her gilt es eher nicht als Bilderbuch, von der Intensität der bildkünstlerischen Umsetzung des englischen Klassikers der Kinderliteratur allemal.


Der von schwarzen und weißen Punkten überzogene, zweifarbige Leineneinband weist den 
in der Buchwelt eher ungewöhnlichen Hinweis auf: With artwork by Yayoi Kusama. Dazu passt das oben zitierte Statement und ein gemaltes Selbstporträt am Schluss des Buches. Hier identifiziert sich eine Künstlerin mit einem literarischen Stoff, taucht beinahe physisch in die phantastische Welt der über 150 Jahre alten Kinderbuchfigur ein und erzeugt mit ihren bildnerischen Mitteln eine Entgrenzung von Realität und Traum, von Zeit und Raum. Das vordergründig als ornamental wahrgenommene Punktmuster führt zu ungewohnten Seherfahrungen, einer eigenartigen Auflösung von Ordnung und Abfolge.

 

Beginnt der Leser zu blättern, begegnet er einer heiteren Farbwelt: bunte kleine und große Punkte, farbige Seiten, grafisch stark hervorgehobene, schwarze Schriftzeilen unterschiedlicher Größe und gemusterte Bildelemente von erkennbarer Gegenständlichkeit, kaum entschlüsselbare Gitter- und Netzstrukturen. Die farbigen Kreispunkte durchziehen als dominantes Element das ganze Buch, laufen über Textzeilen und ganze Textseiten als Kontrast oder in farblicher Abstufung zum Untergrund: Blau auf Violett, mattes Blassgelb auf einem satten Zitronengelb, kräftiges Rot auf Helllila und so fort.

 

Relativ unauffällig folgt die Künstlerin den Kapiteln und findet jeweils eigene Bildgegenstände.  Das sonnige Bachufer der Anfangsszene imaginiert sie mit Löwenzahnblüten und -blättern. Carroll erzählt allerdings von Daisies, also Gänseblümchen. Die leuchtend fröhlichen Löwenzahnblüten setzen sich in vielen gelben Punkten fort und bilden einen maximalen Kontrast zum folgenden Kaninchenloch: einem schwarzweißen, gepunkteten Oval, das sich auf der nächsten Seite zu einer spiralförmigen Kreisform aus vielen kleinen, blauen Punkten auf von einem rotem ins Hellgelb changierenden Grund entwickelt. Kein Kaninchen taucht im ersten Kapitel  auf, kein Tränenteich im zweiten. Wohl aber der Kopf eines imposanten roten Krokodils mit gelber Kopfmusterung, einem grasgrünen Schlund mit weißer Zahnreihe und einem winzigen lila gepunkteten Hütchen auf dem Nacken. Text und Tierfigur stehen auf hellviolettem Grund gemeinsam mit eingestreuten zitronengelben(!) Punkten. Diese ungewöhnliche Farbwahl betonen zusätzlich das kleine Nonsense- Gedicht, das die mit den Tränen kämpfende Alice aufsagt, um sich wieder als sie selbst zu fühlen.

 

In der Geschichte vom Rat der Raupe entfaltet Kusama einen ganzen Pilzkosmos der Farben und Formen., aber keine Raupe ist anzutreffen, dafür zwei schwarzgelbe Kürbisse. Diese finden sich in ähnlicher Gestalt im vielfältigen Welt der Künstlerin als Plastiken oder in Bildern wieder. Viele weitere Beispiele für Kusamas freie Assoziationen folgen. 

 

Diese “Alice“ lädt auf völlig neue Art und Weise zu einem vergnüglichen Spaziergang durch den bekannten, klassischen Text ein. Die Künstlerin versteht es, auf vielfältige Weise den eigenen Empfindungen neue Räume zu eröffnen und eine nie endende Weite der Phantasie zu imaginieren. Damit dient auch dieses Buch ihrem Ziel der Auflösung unserer Wahrnehmungen ins Unendliche mit bildnerischen Mitteln.

Kurzvita

Yayoi Kusama, geboren 1929 in Matsumoto, Japan, lebt und arbeitet in Tokio. Sie gilt als weltweit bekannte Ausnahmekünstlerin, Bildhauerin, Malerin und Autorin. Sie ist mit ihren Arbeiten in vielen Museen vertreten.

 

Bereits mit zehn Jahren beginnt sie mit ihren Flächen füllenden „Polka Dots“, schwarzen Punkten, und Netzstrukturen, die sie später berühmt machen sollten. Geschult an der traditionellen japanischen Malerei geht sie 1957 nach New York, gerät  mitten hinein in die Avantgarde-Kunstszene. Sie erregt Aufsehen mit weichen Stoffskulpturen und gepolsterten Rauminstallationen, mit Spiegelräumen, Performances und Happenings. Seit ihrer Kindheit von Angstzuständen und Halluzinationen geplagt, muss sie sich häufig therapeutischen Behandlungen unterziehen. Überarbeitet und von ihrer Krankheit gezeichnet, kehrt sie 1973 nach Japan zurück und lebt seither in einer Psychiatrischen Klinik. Dennoch  gelingt ihr ein umfangreiches Werk, das sie an vielen Orten zeigen kann, darunter 1993 in einer Ausstellung auf der Biennale in Venedig.

 

2021 findet in Berlin die erste große Retrospektive ihres Werkes in Deutschland statt. Dort begegnet man ihren frühen Mirror Rooms, verspiegelten Räumen, in denen sich Grenzen auflösen und Wände verschwinden. Dazu ihren Infinity Nets, großen Leinwänden, die von Punkten oder Netzstrukturen überzogen sind,  und zu ungewohnten Seherlebnissen einladen.

Literatur/Links

Yayoi Kusama: Infinity Net. Meine Autobiografie, Bern/ Wien: P. Meyer Verlag, 2017

 

Yayoi-kusama.jp / offizielle website

 

Stephanie Rosenthal (hrsg.), Yayoi Kusama. Eine Retrospektive, München:Prestel, 2021
(Katalog zur Berliner Ausstellung)

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