Tomi Ungerer (1931- 2019)

Allumette

Zürich: Diogenes, 1974
Deutsch von Anna von Cramer-Klett
[32] Bl., Feder, Wasserfarbe
28 x 22 cm, farb. Pb.

 

OA: New York: Parents’ Magazine Press, 1974

Im Untertitel findet sich der Hinweis: Mit gebührendem Dank an Hans Christian Andersen, die Brüder Grimm und Ew. Ambrose Bierce
Das Buch und seine Geschichte

Eine frühe Fassung dieser Geschichte erschien 1965 in der Zeitschrift „Queen“ unter dem Titel „Elveda, the Little Match Girl“ in Anlehnung an eine Erzählung des Satirikers Ambrose  Bierce.

 

Allumette ist das französische Wort für Streichholz. Der Vor- und Nachsatz dieses Bilderbuchs zeigt die scheinbar endlose Wiedergabe einer Streichholzschachtel mit dem Porträt eines dunkelhaarigen Mädchens, das ein übergroßes Streichholz wie ein Zepter oder eine Waffe hält. Auch der Schriftzug Allumette auf dem Umschlagbild und dem Innentitel ist in der Form teils abgebrochener Streichhölzer gestaltet. Noch bevor der Leser auf dem Innentitel den Verweis auf Hans Christian Andersen wahrgenommen hat, verbinden sich Erinnerungen an Bekanntes. 

 

Tomi Ungerer variiert Andersens trauriges Märchen, doch sein kräftiger, die Figuren karikierender Strich, die dunklen Farben, der kalkulierte Wechsel von kleinen und größeren bis zu die Seiten füllenden Bildern erzählt von Armut und Chaos, die auch wunderliche Wunder zulassen. Der Alptraum mündet in eine positive Utopie, nicht ohne bissig versteckte Hinweise auf die Übel der Gesellschaft, die einer anhaltenden Entwicklung zu mehr Menschlichkeit im Wege stehen.

 

Wie sehr Ungerer mit dem traditionellen Bildervorrat unserer Kultur spielt, veranschaulicht auch die Titelillustration. Sie zeigt Allumette in der klassischen Pose einer mittelalterlichen Madonna im Mantel, die, eingehüllt in ein Federbett, einen Schinken ans Herz drückt. Gerahmt ist sie von einem Würstchenkranz, der sie wie ein Medaillon umgibt.

Kurzvita

Tomi Ungerer, geboren 1931 in Strassburg,gestorben 2019 in Irland, lebt hauptsächlich in Irland. Er gehört zu den international bekanntesten und bewunderten, zeitgenössischen Zeichnern. Große Teile seines vielfältigen Werkes aus über 140 Büchern und etwa 40 000 Zeichnungen haben seit 2007 eine Heimat im Musée Tomi Ungerer in Straßburg gefunden.

 

Ungerer zeichnet seit seiner Kindheit. Er besucht in den Jahren 1953 -1954 nur kurz die École Municipale des Arts Décoratifs in Strassburg, arbeitet anschließend als Dekorationsmaler und Druckgrafiker und versteht sich selbst als Autodidakt. Sein Umzug 1956 nach New York, wo er zunächst als Werbegrafiker und Cartoonist seinen Lebensunterhalt bestreitet, wird prägend. Beeindruckt von Zeichnern wie Edward Gorey, William Steig oder Saul Steinberg erscheint 1957 sein erstes Kinderbuch „The Mellops go Flying“, das sogleich ausgezeichnet wird. Es folgen weitere Bilderbücher, eine Auszeichnung 1959 mit der Goldmedaille der New York Society of Illustrators, zahlreiche freie Arbeiten wie Sozialsatiren und Cartoons, freizügige, satirisch-erotische Zeichnungen und viele weitere Kinderbücher, insgesamt etwa 70.

 

1971 zieht Ungerer nach Nova Scotia in Kanada, um auf dem Lande in der Abgeschiedenheit vom New Yorker Kunstbetrieb zu leben. 1976 verlegt er seinen Lebensmittelpunkt nach Irland. Von Mitte der 70er bis weit in die 90er Jahre zeichnet Ungerer keine Kinderbücher. Mit „Otto“, einer Kindergeschichte zur Vertreibung der Juden durch die Nazis, meldet sich Tomi Ungerer 1999 als einer der ganz großen Kinderbuchkünstler zurück.

 

1998 erhält er die Hans-Christian-Andersen-Medaille, den international renommiertesten Preis auf diesem Gebiet, für sein Gesamtwerk im Bereich Kinder - und Jugendliteratur. Im Frühjahr 2015 ehrt ihn das New Yorker Drawing Center mit der Retrospektive “All in One“.

 

In einem Video auf der offiziellen Homepage betont er die Bedeutung des Wortes für seine Kinderbücher: „every word is a part of a possible poem“ und: es sei „the greatest luck in the world to be able to write and draw“. Seine Geschichten beginnen mit einer Idee, dann zeichne und schreibe er „and with the writing things come together“.

Literatur/Links

Offizielle Homepage 

 

Musée Tomi Ungerer

Musées de la Ville de Strasbourg, 2007

 

Museum Tomi Ungerer

Werkkatalog zur ständigen Ausstellung

Zürich: Diogenes 2008

 

Tomi Ungerer et New York

Straßburg: Musées de Strasbourg et Editions La Nuée Bleue 2001

 

Tomi Ungerer

Eine Retrospektive veranstaltet von Daniel Keel

Zürich: Diogenes 1991

 

Tomi Ungerer. Der schärfste Strich der Welt

In: Du. Das Kunstmagazin, Dez./ 2010

 

Maurice Sendak, 

Caldecott & Co. Gedanken zu Büchern und Bildern.

Franfurt/M.: S. Fischer, 1999, (S. 119 ff.)

NA: Hamburg: Aladin, 2013

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