Květa Pacovská (geb. 1928)

Alphabet

Ravensburg: Otto Maier, 1996
[20] Bl., teils doppelseitig gefalzt, Ausschnitte, Prägedruck, Glanzfolie, Mischtechnik
23,5 x 24 cm, Klappenbroschur, Spiralbindung, Pd., Schuber

Das Buch und seine Geschichte

Nach ihrem Spielbuch über Zahlen und danach jeweils einem über Farben und Formen wendet sich Květa Pacovská mit diesem Projekt den Buchstaben zu. Sie findet darin zu einer neuen Qualität des Erzählens mit den ihr eigenen bildnerischen Mitteln. Das nahezu quadratische Buchobjekt verspricht unmittelbar sinnliches Vergnügen. Aus dem bunt bedruckten Schuber schiebt sich ein flexibler Buchkörper, weiß mit vier silberfarbenen, blockartigen Buchstaben: A, E, O, I. Der Innentitel zeigt die gleichen Versalien als Ausschnitte. Die nächste Seite spricht mit der dickeren Falzkante und der in der Seitenmitte aufspringenden A-Form mit einer Art Gesicht den Tastsinn an und leitet zugleich über zur nächsten Seite mit einem großen, das Format der Doppelseite füllenden roten Nilpferd mit einem gemalten B, das sich auf der nächsten Seite üppig bunt aufstülpt.

 

Von Seite zu Seite ändern sich Bildgrund, Farben und Formen. Wir treffen Karos, einen Katzenkopf, Hausformen, Kleines neben Großem, Ausschnitte neben Prägungen. Das sind keine Schulbuchbuchstaben, die die Künstlerin zum Gegenstand ihres Spielbuches macht, sondern jeder Buchstabe wird auf seine formalen Qualitäten abgeklopft, gerät zur eigenständige Form, die von Farben und figurativen Elementen gebildet werden. Buchstaben, so sehen wir hier, sind keine langweilige Sache, sie sind, schaut man genau hin, vielfältig und voller anregender Ideen.

 

Deutlich ist bei alledem, wie sehr sich die Künstlerin auf geometrische Grundformen bezieht, auf Kreis, Quadrat, Rechteck oder Dreieck. Mit dieser Arbeit kommt sie ihrem Ziel, imaginäre Buchräume zu gestalten, ein weiteres Stück näher, indem die Buchstaben mit ihrer farblichen und formalen Kraft ganze Wörter und Geschichten herbeizaubern.

Kurzvita

Květa Pacovská, geboren 1928 in Prag, lebt und arbeitet in ihrem Geburtsort. Sie beschäftigt sich mit Konzeptkunst in Malerei, Grafik und Skulptur und gilt als Ausnahmekünstlerin im Bereich Kunst und Buch. Weltweit bekannt ist sie mit ihren Bilderbüchern geworden, die sie als eine Art Papierskulptur versteht.

 

Nach einem Studium an der Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design beginnt sie bereits in den 50er Jahren Märchen- und Kinderbücher zu illustrieren. Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs 1989 eröffnen sich neue Freiräume für ihre buchkünstlerische Arbeit. Sie findet Zugang zu den im Westen gebräuchlichen beschichteten Papieren und Kartons für Bilderbücher. Ihr erstes Projekt “Eins, fünf, viele“, 1990, ist zugleich ihr erstes Objektbuch für Kinder und markiert einen unübersehbaren Entwicklungsschritt der damals 62 jährigen Künstlerin.

 

Neben freien Arbeiten, z.B. großformatigen Ölbildern, Collagen, Objekten aus Pappe, Papier, Schnüren, Holz oder Metall gestaltet sie zahlreiche Buchprojekte als eine neuartige Form des Spielbuchs. Ihre buchkünstlerischen Arbeiten sieht Květa Pacovská als eine Art Papier-Architektur, in die man eintreten kann, um sie mit allen Sinnen zu erleben. „Meine Bilderbücher sind ein Zusammenspiel unterschiedlicher Leseweisen. Sie setzen jeweils eine andere Wahrnehmung des Raums, des Rhythmus, des Tastens oder der Farbe frei.“ Und: „Meine Malerei basiert keineswegs auf dem Verständnis, Texte auslegen oder bebildern zu wollen. Vielmehr arbeite ich auf der Grundlage der Bildenden Kunst.“ (Maximum Contrast, S. 148)

 

Pacovkás Arbeiten sind vielfach ausgestellt worden, darunter im Pariser Centre Pompidou, 2007, und  im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt/M., 2008. Ihre wichtigste Auszeichnung ist der Hans Christian Andersen Preis, 1992, einer der renommiertesten internationalen Preise für Kinder- und Jugendbücher, den die internationale Kinderbuch-Organisation IBBY alle zwei Jahre vergibt.

 

Über das KünstlerBilderBuch sagt die Künstlerin: „Das Bilderbuch ist die erste Galerie, die Kinder betreten.“

Literatur/Links

The Art of Květa Pacovská
Gossau-Zürich, Michael Neugebauer, 1993

 

Květa Pacovská, Ausstellungskatalog Palazzo Agostinelli,
Bassano del Grappa, 1999/2000

 

Květa Pacovská, Open Space
Paris: Fondation M. von Cronenbold 
Wabern: Benteli, 2001

 

Květa Pacovská, Maximum Contrast
Eva Lienhart (Hrsg.)
Katalog zur Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst. Frankfurt/M., Bargteheide: Michael Neugebauer, 2008

 

Květa Pacovská, Buchstabe
Maria Linsmann, Jens Thiele (Hrsg.)
Troisdorf: Bilderbuchmuseum Burg Wissem, 2010

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