Maurice Sendak (1928 - 2012)

Als Papa fort war

Dt. Übersetzungsrechte Sheldon Fogelman

Zürich: Diogenes, 1981
[20] Bl., farb. Gouache,
23,5 x 26,5 cm, Ln., farb. Schutzumschlag

 

OA: Outside Over There

New York: Harper & Row, 1981

“Ich lebe im Bilderbuch.”
Das Buch und seine Geschichte

Nach elf Jahren, in denen Sendak verschiedene Bücher anderer Autoren illustriert und seine berühmte zweibändige Ausgabe einer Auswahl von Märchen der Brüder Grimm (1973) mit großer Intensität erarbeitet hat, wendet er sich erneut einem Bilderbuchprojekt zu, das seiner eigenen Ideenwelt entstammt. Wiederum sind es Vorstellungen von Kindheit und eigene Erinnerungen, die ihn zunächst als Autor und danach als Illustrator beschäftigen.

 

Dieses Buch sieht er selbst als das komplexeste seiner Trilogie an. Wie keines seiner Bücher zuvor, vielleicht mit Ausnahme der magischen Zeichnungen der Grimm-Ausgabe, fordert es den Betrachter/Leser gerade zu heraus. Die Bilder brauchen Zeit und den Willen, sie verstehen zu wollen – egal ob kleine oder große Betrachter. Mit ihren Bezügen zur romantischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts stehen sie den Sehgewohnheiten, die ein Bilderbuch abzufordern scheint, entgegen.

 

Die Bilder sind rätselhaft und magisch zugleich. Mit unerhörter Präsenz dominiert die Gestalt des Mädchens Ida die Bildseiten. Die Geschichte ihres bösen Traums vom Raub ihrer kleinen Schwester wird mit knappen Worten erzählt. Die Bilder dagegen erzählen auf vielfältige Weise von Angst, Sorge und Bedrängnis, aber auch von der Entschlossenheit des Mädchens, das Baby zu retten. Die Kobolde, Babys gleich mit teils alten Gesichtern, dominieren düster und mit enormer Größe mehrere Seiten. Was für ein Alptraum! Im Kontrast dazu wunderbare, idyllische Landschaften, weite Räume, Himmel, Wolken, Natur.

 

Diese Bilder sind vielschichtig und verschlüsselt und wollen aufmerksam durchwandert werden. So lässt sich auf vielen Bildern das Schiff, mit dem der Vater fortgesegelt ist, im Hintergrund entdecken. In den Anfangsbildern spiegelt der Blick durchs Fenster aufs Meer die emotionale Verstörung des Mädchens. Die Musik, anfangs nur als Spiel auf dem Horn präsent, treffen wir in der Gestalt des komponierenden Mozart in der Laube als eine Art klassischen Topos gegen Ende der Geschichte wieder. Oder die mehrfach zu findenden Eierschalen, die schließlich als eine Art Körbchen für das wieder gefundene Baby dienen, bringen uns zurück zu dem Grimm Märchen von den Wichtelmännern. Viele weitere Motive lassen sich finden, wie der gelbe Madonnenmantel des Mädchens oder die Bezüge zu einem bekannten Bild des Malers Philipp Otto Runge. Schließlich verweist Sendak selbst auf die Erinnerung an die Entführung des Lindberg-Babys, die ihn als kleinen Jungen verschreckt und geradezu verstört habe (Lanes S. 235).

 

Dieses Buch bietet der Verlag erstmals sowohl für Kinder als auch für Erwachsene an. „I had waited a long time to be taken out of kiddy-book land and allowed to join the artists of America“ zitiert Lanes den Künstler (S.235), der sich endlich aus der Enge des Bilderbuchmarktes befreit und als Künstler geachtet sieht.

Kurzvita

Maurice Sendak, geboren 1928 in Brooklyn, New York, gestorben 2012 in Richfield, Connecticut, gilt als einer der bedeutendsten und international angesehensten Bilderbuchkünstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Weniger bekannt sind hierzulande seine zahlreichen Bühnenausstattungen für Oper und Ballett, die seit 1979 entstehen, darunter für Mozarts “Zauberflöte“, 1981, Tschaikowskys „Nussknacker“-Ballett 1983, oder Humperdincks Hänsel und Gretel, 1997. Außerdem schreibt er Libretti für Opern nach eigenen Büchern und entwirft die Bühnenausstattungen.

 

Maurice Sendak zeichnet seit seiner Kindheit. Seine frühen Comics werden in einer Schülerzeitung gedruckt und wenig später beginnt er zusammen mit seinem älteren Bruder, mechanisches Spielzeug herzustellen, das bekannte Märchenmotive in kleine Szenen umsetzt. Diese Arbeiten bringen ihm eine Anstellung beim New Yorker Spielwarenhaus F.O.Schwarz als Dekorateur ein. In dieser Zeit besucht er abends Kurse der Art Students League und lernt in der Kinderbuchabteilung von F.O.Schwarz die klassische europäische Märchen- und Bilderbuchillustration kennen. Ursula Nordstrom, innovative Verlegerin beim Verlag Harper & Row, erkennt früh Sendaks Begabung und fördert seine Entwicklung ab den 50er Jahren durch jährlich mehrere Illustrationsaufträge. 

 

Sendaks erstes „eigenes“ Bilderbuch erscheint 1963. „Wo die wilden Kerle wohnen“ ist seither in weltweit mehr als 20 Millionen Exemplaren erschienen. Maurice Sendaks Bibliografie umfasst nahezu 100 Titel. Besondere Bedeutung erlangen jedoch diejenigen Bücher, die er als genuines Werk geschrieben und illustriert hat. Das Bilderbuch wird für ihn eine eigenständige Kunstform, als das Medium, mit dem er seine künstlerischen Vorstellungen umsetzen kann. In seiner später von ihm selbst so bezeichneten Bilderbuch-Trilogie - “Wo die wilden Kerle wohnen“, “In der Nachtküche“, “Als Papa fort war“- verarbeitet er persönliche Kindheitserfahrungen auf sehr unterschiedliche künstlerische Weise. Alle drei Titel beschwören jedoch magische Orte und vielfältige Wege, dorthin zu gelangen, um schließlich doch wieder an einen sicheren Platz zurückzukommen.

 

(Das Bilderbuch) „ist mein Schlachtfeld. Der Ort, an dem ich mich ausdrücken kann(...). Dort bringe ich jene Phantasien zu Papier, die mich ein Leben lang begleitet haben.(...) Ich lebe im Bilderbuch; dort schlage ich alle meine Schlachten, und dort hoffe ich, meine Kriege zu gewinnen.“( Caldecott & Co., S.170)

 

Sendaks „eigene“ Bilderbücher stoßen häufig zunächst auf Unverständnis, werden sie doch als zu komplex, zu wenig „kindgemäß“ oder zu bedrohlich angesehen und besonders von Pädagogen gelegentlich strikt abgelehnt. Von Künstlerkollegen werden sie jedoch weltweit mit Begeisterung aufgenommen und von vielen Illustratoren als großartige Vorbilder gepriesen. Die wichtigsten Auszeichnungen sind: Caldecott Medal für  “Where the Wild Things Are“,1964, Hans Christian Andersen Medaille, 1970, Astrid Lindgren Memorial Award, 2003, jeweils für das Gesamtwerk. 2013 ehrt ihn die Society of Illustrators in New York mit einer großen, posthumen Retrospektive, verbunden mit einem Katalog.

 

Sendaks Nachlass befindet sich zu großen Teilen als Leihgabe in Philadelphia in der Sammlung Rosenbach Museum & Library. Seit Ende 2014 versucht die Sendak Foundation die Sammlung zurück nach Richfield, Conn. zu holen, um dort nach dem Willen des Künstlers in seinem Wohnhaus und einem Neubau ein eigenes Museum einzurichten. (New York Times,1. Dez. 2014.) Ab 2018/ 2019 befinden sich die Originale seiner veröffentlichten Bücher in der University of Connecticut.

Literatur/Links

 

www.sendakfoundation.org

 

Selma G. Lanes, The Art of Maurice Sendak, New York: Abrams, 1980

 

Tony Kushner, The Art of Maurice Sendak. 1980 to the Present, New York: Abrams, 2003

 

Leonhard S. Marcus (Hrsg.), Maurice Sendak. A Celebration of the Artist and his Work, New York: Abrams, 2013

 

Aufsätze, Reden und Interviews von und mit Maurice Sendak finden sich in: Maurice Sendak. Caldecott & Co., Frankfurt: S. Fischer, 1999, und Hamburg: Aladin, 2013, OA : New York, 1988

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