Hannah Höch (1889 - 1978)

Bilderbuch

Berlin: The Green Box, 2008

Nachwort von Gunda Luyken

[22] Bl., 19 Farbcollagen

23 x 27,8 cm, Pd., Fadenheftung

 

Auf dem Innentitel erscheint gedruckt in Hannah Höchs Handschrift die Signatur: Hannah Höch, Bilderbuch: 1945

 

"Sehen muss man können."
Das Buch und seine Geschichte

Das vorliegende Buch ist ein Nachdruck der Originalausgabe, die posthum in bibliophiler Auflage erschien. (200 Ex. plus 50 Künstlerexemplare) Leipzig: Philipp Reclam jun. und Düsseldorf, Claassen Verlag ,1985.

 

Im Erstdruck (Reproduktion der Originalcollagen) stehen den Bildseiten, rechts, kleine, handgeschriebene Textblöcke, die auf die leeren Seiten jeweils einzeln geklebt sind, gegenüber. Die Bildseiten bestehen aus den gedruckten Bildern, jeweils einzeln auf grauen Karton montiert. Das Buch wird mit sichtbarer Fadenheftung, vier Stiche, grauer Faden, zusammengehalten. Ein Exemplar der Originalausgabe befindet sich in der Berlinischen Galerie, Berlin.

 

Der vorliegende Nachdruck enthält 19 farbige Collagen mit jeweils einem kurzen Text auf der gegenüber liegenden Seite. Die Bilder zeigen seltsame Wesen, zusammengesetzt aus vielerlei Strukturen. Da gibt es die Santaschwebe mit einem Rehkopf und feingefälteltem Kleid vor einem wolkigen Mondhimmel, die Rennquicke, halb Käfer, halb Maus mit langen Spinnenbeinen, die unter einem Blätterdach fortläuft, das Unfriedel oder Meyer I, ein behaarter Fischkopf, der demnächst Bürgermeister im Aquarium wird, oder Fromm, der fürs Schöne schwärmt, in Gestalt eines löwenartigen Tiers mit aufgestellten, gefiederten Ohren und viel weiteres Getier inmitten einer nicht weniger erstaunlichen Pflanzenwelt. Zur Boa Perlina, einer Schlange aus einer doppelreihigen Perlenkette, die sich um eine Palme mit Federbuschen schlängelt, heißt es: Du kannst ihr nicht trauen/ der schönen, perlgrauen/ Nicht immer sind die/ mit den schönsten Westen/ die Besten.

 

1945, unmittelbar nach Kriegsende entstanden, ist das Buch nicht eigens als Kinderbuch gedacht, gilt jedoch als Versuch der Künstlerin, die sich aktiv am Wiederaufleben der Berliner Kunstszene beteiligte, etwas Heiteres, Leichtes für ein breites Publikum vorzulegen und zugleich neuen Schwung für die eigene künstlerische Arbeit zu finden. Sie setzt Collagen von Schwarzweiß-Zeitschriftenfotos ein, dekoriert jedoch mit farbigen Fasern, die die Strenge der Schwarz- und Graustufen abmildert. „Da das Farbdruckverfahren noch in seinem allerersten Anfangsstadium war, gab es für das von mir beabsichtigte Buch noch kein Material. Darum erfand ich diese eingefärbte Faser, um einen schmückenden Effekt zu haben“ (Nachwort) Sie findet jedoch keinen Verlag, der sich zur damaligen Nachkriegszeit auf das drucktechnische Wagnis einlässt.

 

Wichtiger Teil des Buches ist der höchst vergnügliche Text der Künstlerin, der in Versform die fabelhaften Tierwesen auf den Bildern vorstellt oder eine Art Kommentar bildet. Die fantasievollen Nonsense-Texte erinnern an Christian Morgenstern und Joachim Ringelnatz. Bilder und Texte bilden einen eigenwilligen Kosmos und laden zu einer vergnüglichen Reise ins Land fantastischer Bilder, getreu der Maxime der Künstlerin „Sehen muss man können“, die ihr Neffe Peter Carlberg im Nachwort überliefert.

 

Höch bot ihr Buch erneut in den 60er Jahren in München zum Druck an als „Zweckarbeit, die etwas Brot ins Haus bringen sollte“, wie sie selbst gestand. Doch es sollte noch mehr als 20 Jahre dauern, bis eine limitierte Ausgabe entstand.

 

Kurzvita

Hannah Höch, geb.1889 in Gotha, gest. 1978 in Berlin, gilt als bedeutende Vertreterin der DADA-Kunst, bekannt als Grafikerin und Collage-Künstlerin, die ihre Kunst selbst als bildmäßige Fotomontage bezeichnet.

 

1912 nimmt sie ihr Studium in Berlin an der Kunstgewerbeschule auf und wechselt 1915 an die Ausbildungsabteilung des Kunstgewerbemuseums Berlin. Im gleichen Jahr lernt sie Raoul Hausmann kennen, mit dem sie bis 1922 eine Lebensgemeinschaft verbindet. Mit ihm gehört sie zu den Erfindern der Fotocollage. 1920 nimmt sie als einzige Frau an der ersten internationalen DADA-Messe in Berlin teil. Bekanntschaft mit Kurt Schwitters, Theo van Doesburg, Hans Arp, Lazlo Moholy-Nagy und vielen anderen Künstlern der Avantgarde. Während der Hitlerzeit wird sie mit Berufsverbot belegt. Die Kriegsjahre übersteht sie in ihrem Häuschen im Norden Berlins, das sie 1939 erwerben kann. Wieder entdeckt wird Hannah Höch durch die Teilnahme an der Düsseldorfer Ausstellung DADA – Dokumente einer Bewegung, 1958. Seither zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland. In den letzten Jahren wird ihr Anteil an der Entwicklung einer kritischen Kunst innerhalb der Moderne häufiger thematisiert, zuletzt 2016 in Mannheim.

Literatur/Links

Http://www.hannah-hoech-haus.de

 

Hannah Höch. Aller Anfang ist DADA.

Ralf Burmeister (hrsg.)

Katalog zur Ausstellung Berlinische Galerie, 2007

Museum Tinguely, 2008

Mit ausführlicher, kommentierter Biografie

 

Hannah Höch. Revolutionärin der Kunst

Katalog zur Ausstellung Kunstmuseum Mannheim, 2016

Kunstmuseum Mühlheim, Ruhr, 2016/ 2017

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