Otto Dix (1891 – 1969)

Bilderbuch für Muggeli

(Picture book for Muggeli)

Ravensburg: Otto Maier Verlag, 1991

Nachwort von René Hirner

[20] Bl., 16 farb. Abb., Aquarell und Feder

27,3 x 35,6 cm, Ln., Fadenheftung

 

Buchausgabe einer Mappe mit Bildern im Format von etwa

40,5 x 29,0 cm, einzeln signiert (Privatbesitz)

Die auf den jeweils gegenüberliegenden Seiten aufgeführten Bildtitel sind nicht original.

Dies Bilderbuch schenkt Onkel Jimmy dem Muggeli, Ostern 1922
Das Buch und seine Geschichte

Auf dem Titelblatt und im Innentitel dieser Ausgabe findet sich ein vom Künstler zu dieser Zeit vielfach verwendetes Selbstporträt mit Zigarette und Palette und einer Widmung.

 

Die aquarellierten Federzeichnungen zeigen verschiedenartige, teils abenteuerliche Szenen mit Indianern, Cowboys oder einem Fischerboot, das gleichzeitig einen Wal fängt und ein pralles Fischernetz an Bord holt. Ein Blatt ist New York gewidmet mit Hochhäusern im Hintergrund und einer multiethnischen Figurengruppe im Vordergrund. Auf eine idyllische Waldlandschaft mit friedlichen Tieren folgt ein eher dramatisches Bild voller eindrucksvoller Urweltwesen, auf den Sonntagsspaziergang einer Familie mit allerlei Fluggeräten am hellen Himmel folgen elegante Zirkusreiterinnen. Zum Abschluss gibt es eine Walpurgisnacht mit rosa und hellblau schillernden Hexengestalten auf Besen, einem Schwein oder einem Ziegenbock reitend vor schwarzen Himmelsgrund.

 

René Hirner stellt in seinem Nachwort einen Zusammenhang mit Bildern des jungen Otto Dix her, besonders dem Ölbild des Matrosen Fritz Müller aus Pieschen, 1919, das einen romantischen Matrosenmythos persifliert und einige der Motive des Bilderbuchs aufweist.

 

Die großformatigen Zeichnungen dieses ersten Bilderbuchs sind flächig angelegt, mit teils kritzelnden Tuschekonturen und sorgfältig eingesetztem Aquarellkolorit. Häufig spielen sie mit bekannten Motiven der Abenteuerliteratur für junge Leser – beispielsweise der Romane von Karl May. Augenscheinlich sind sie darauf ausgerichtet, dem kleinen Martin, Sohn seiner späteren Frau, mit vielfältigen Verweisen auf fremde, abenteuerliche Welten Freude zu machen und Erzählanlässe zu schaffen. Auf manchen Tableaus finden sich zusätzlich winzige Szenen, die erst beim genauen Betrachten ins Auge fallen.

 

Die Bilder spiegeln Dix’ zu dieser Zeit gesteigertes Interesse an der Aquarelltechnik wider und stehen andererseits im Gegensatz zu seinen sozialkritischen, oftmals eher düsteren Ölbildern. In den Bildern für das fünfjährige Kind lässt Dix, der sich damals Jimmy nannte, eine heitere Jungenwelt voller verschmitzter Erzählfreude entstehen, möglicherweise auch in Erinnerung an die eigene Kindheit.

Kurzvita

Otto Dix, geb.1891 in Gera, gest. 1969 in Singen, Maler und Grafiker der neuen Sachlichkeit und des Expressionismus.

Nach einer Lehre als Dekorationsmaler Studium an der Kunstgewerbeschule in Dresden. An den Kriegsdienst 1914 bis 1918 schließt sich ein Studium an der Staatl. Akademie der Bildenden Künste in Dresden an. Dix ist Mitbegründer der ‚Dresdner Sezession’ 1919. Er gilt als Bahnbrecher der neuen Sachlichkeit, eines neuartigen, sozialkritischen Realismus, auch als Verismus bezeichnet. Von1927 bis 1933 lehrt er als Professor an der Kunstakademie in Dresden. In dieser Zeit erlebt er seinen künstlerischen Durchbruch und Anerkennung durch Beteiligung an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland. 1933 verliert er als einer der ersten Kunstprofessoren seine Anstellung an der Akademie durch die Nazis. Er entzieht sich dem politischen Druck und der latenten persönlichen Bedrohung durch innere Emigration und Verlegung des Wohnsitzes aufs Land nach Süddeutschland. 1937/38 werden acht seiner Bilder in der Ausstellung ‚Entartete Kunst’ in München gezeigt; insgesamt werden 260 Werke aus deutschen Museen beschlagnahmt. Ab 1936 lebt er hauptsächlich in seinem Haus in Hemmenhofen am Bodensee, das heute als Museum eingerichtet ist. Er hinterlässt ein umfangreiches Werk mit mehr als 6000 Zeichnungen und Skizzen.

Literatur/Links

Otto Dix Stiftung 

 

Otto Dix – zum 99. Kinderwelt und Kinderbildnis

Wendelin Renn (hrsg.) Ausstellungskatalog der Städt. Galerie

Villingen-Schwenningen, 1991

 

 

Olaf Peters: Otto Dix. Der unerschrockene Blick.

Eine Biographie, Stuttgart 2013

 

 

Otto Dix. Der böse Blick

Ausstellungskatalog, Hrsg. Kunstsammlung Nordrheinwestfalen

Düsseldorf, 2017/ London, Tate, 2017

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