Friedrich Dürrenmatt (1921 -1990)

Bildergeschichte. Contes pour ses enfants

 

Text: Ruth Dürrenmatt

Neuchâtel / Schweiz: Centre Dürrenmatt, 2013

[16] Bl., 1 einseitiges, 14 doppelseitige Farbbilder, Tusche, Feder, laviert

42 x 30 cm, Pd., franz. Broschur

 

 

"Ich male aus dem gleichen Grund, wie ich schreibe: weil ich denke."
Das Buch und seine Geschichte

Dieses Buch ist eine posthum von der Tochter Ruth Dürrenmatt zusammengestellte und kommentierte Erstveröffentlichung. Auf der vorderen Innenklappe findet sich der Hinweis, dass Friedrich Dürrenmatt die Bildergeschichte zu Ostern 1956 in St. Maxime, Südfrankreich, für seine drei Kinder Peter (9), Barbara (7) und Ruth (5) gemalt hat. Die Texte auf der hinteren Umschlagklappe schrieb Ruth Dürrenmatt 1997. Sie erzählt von ihren Erinnerungen an gemeinsame Spiel- und Erzählstunden, bei denen der Vater Bilder mit Tusche zeichnet und laviert und dabei die Anregungen der Kinder aufnimmt.

 

Offensichtlich beginnt er mit Alltagsbegebenheiten, die rasch ins Phantastische übergehen. Die kleine Ruth hat ihren Brei nicht gegessen und darf deshalb nicht mit den Geschwistern nach Amerika fliegen. Also fehlt sie auf dem Bild, auf dem neben dem Flugzeug ein großer Wetterengel Hagel auf die Landschaft schüttet. Auf der nächsten Seite ist Ruth wieder dabei als stolze Reiterin auf dem Familienhund, umgeben von wilden Waldtieren, Holzfällern oder einem großen, schlafenden Jäger. Das nächste Bild zeigt alle drei Kinder im Wald, wo sie einem imposanten alten Mann im Habit des Nikolaus mit einem Sack voller unartiger Kinder begegnen. So folgt Episode auf Episode mit skurrilen Figuren und Tieren, einem Grünwurm, Teufeln, Engelwesen, befreiten Kindern, fliegenden Fischen, Kraken und Neptun mit seiner Nixenfrau.

 

Nicht immer geht es friedlich zu auf diesen Bildern. Makabre Szenen, Übertreibungen und Absurdes wechseln sich ab, immer in dem Bemühen, die Kinder zu überraschen und zu unterhalten. Auf dem letzten Bild wird die kleine Ruth vom Neptunvater, der Nixenmutter und den Geschwistern aus den Fängen der Piraten befreit. Alle kämpfen auf ihre Weise. Die kleine Ruth beißt einem bösen Piraten ins Hinterteil, genau wie der Familienhund, der einen schon fast von einem Hai verschluckten Bösewicht am Hosenboden packt. Diese Tat der Jüngsten soll einer wahren Familienbegebenheit entsprechen, die Dürrenmatt humorvoll und doch absichtsvoll zu thematisieren scheint.

 

Die großformatigen Bilder sind geprägt von einem schwungvollen Erzählstil, dem es nicht auf Richtigkeit des Dargestellten ankommt. Vielmehr geht es um den Spaß an unerwarteten Wendungen, fantastischen Figuren, verrückten Einfällen und nicht zuletzt um die drei kindlichen Protagonisten. Mit kräftigen Farben füllt der malende Vater die Blätter und trotz der oft zusammenhanglosen Szenen hat er stets das gesamte Tableau im Blick. Die naiv wirkende Malweise bleibt allerdings nicht zufällig, zielt der Maler doch erkennbar immer auch auf eine stimmige Bildkomposition.

Kurzvita

Friedrich Dürrenmatt, geb. 1921 in Konolfingen/Kanton Bern, gest.1990 in Neuchâtel am Neuenburger See, ist ein weltbekannter Schweizer Schriftsteller und Dramatiker. Sein Schaffen als Maler bleibt lange Zeit weitgehend unbekannt.

 

Dürrenmatt, der ursprünglich Maler werden will, studiert Philosophie, Naturwissenschaften und Germanistik in Bern. 1946 bendet er sein Studium, um Schriftsteller zu werden. Der Durchbruch gelingt ihm 1956 mit dem Stück „Besuch der alten Dame“. Er schreibt zahlreiche Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Die Gesamtausgabe seiner Werke umfasst 29 Bände. Seine lebenslange Beschäftigung mit der Malerei und mit Zeichnungen ist mit der Eröffnung des Centre Dürrenmatt in Neuchâtel im Jahre 2000, das neben seinem Wohnhaus entstanden ist, bekannter geworden.

 

„Ich bin kein Maler. Ich male technisch wie ein Kind, aber ich denke nicht wie ein Kind. Ich male aus dem gleichen Grund, wie ich schreibe: weil ich denke."

„Meine Zeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen. („Persönliche Anmerkung zu meinen Bildern und Zeichnungen“, 1978, zitiert nach der Website)

 

Im Centre Dürrenmatt befinden sich ca. 1000 Einzelbilder, eine Reihe von Heften mit Kinderzeichnungen von Dürrenmatt und gezeichnete Bildergeschichten für seine Kinder.

Literatur/Links

Offizielle Webseite 

 

Centre Dürrenmatt Neuchâtel 

 

Peter Ruedi, Dürrenmatt: oder Die Ahnung vom Ganzen

Zürich: Diogenes, 2011

 

Friedrich Dürrenmatt. Schriftsteller und Maler. Ein Bilder- und Lesebuch, Zürich: Diogenes, 1994

Zurück zur Sammlung