Warja Lavater (1913 - 2007)

Blanche Neige

(Schneewittchen)

Une imagerie d’après le conte

Paris: Adrien Maeght Editeur, 1974

20 Faltungen, Leporello, Originallithografie

16,0 x 11,2 cm, Leinendeckel mit aufgeklebtem Etikett

Vorsatz vorne ausklappbar mit Erläuterungen der Symbole

Das Buch und seine Geschichte

Die ausklappbare Seite mit Erklärungen der Symbole hilft beim „Lesen“ des Märchens, das die Künstlerin wohl von den Brüdern Grimm übernimmt. Figuren, Gegenstände und Landschaftselemente finden sich als Kreise, Rechtecke, Rauten oder Balken in verschiedenen Farben und Größen und manche Elemente lassen sich mit einem Blick auf die „Besetzungsliste“ leichter zuordnen.

Schneewittchen ist als schwarze Kreislinie, die einen kleineren roten Kreis umspielt, charakterisiert, die Zwerge bevölkern die Doppelseiten als kleine rote Rauten. Ohne Mühe verfolgen wir Schneewittchens Weg in den Wald, symbolisiert durch zahlreiche kleine, mal größere Kreise, zu den sieben Zwergen, finden es schließlich in einem blau umrandeten Rechteck, dem gläsernen Sarg, und können unschwer seine glückliche Rettung durch den Prinzen, dargestellt zunächst als kleiner, später als großer, blauer Kreis, auf drei Doppelseiten verfolgen. Auf ihnen sind die geometrischen Formen und ihre klare Ordnung aufgegeben zugunsten einer dynamischen, die Formen auflösenden Struktur.

Die Wirkung dieser bildlichen Märchenfassung beruht auf einem fein abgewogenen Farbkonzept aus Kontrast und Variation und einem spielerischen Umgang mit Symbolen zu einer wohl kalkulierten Bildordnung.   

Kurzvita

Warja (Honegger) Lavater, geboren 1913 in Winterthur, gestorben 2007 in Zürich, ist die Tochter der Schriftstellerin Mary Lavater-Sloman. Ihre Ausbildung absolviert sie von 1931 bis 1935 an der Kunstgewerbeschule in Zürich, an der am Bauhaus geschulte Lehrer unterrichten. Nach Studienaufenthalten in Stockholm, Basel und Paris gründet sie zusammen mit Gottfried Honegger, ihrem späteren Mann, ein Grafik-Atelier in Zürich. Von 1944 bis 1958 betreut sie die grafische Gestaltung einer Jugend-Zeitschrift. Besondere bildnerische Anregungen bezog sie von der zeitgenössischen, amerikanischen Werbegrafik während verschiedener Aufenthalte in New York von 1958 bis 1960. Mit ihrem ersten Leporello (Folded Story 1) “Wilhelm Tell“, das vom Museum of Modern Art in New York 1962 herausgegeben wird, findet sie zu ihren eigenwilligen Faltbüchern. Diese Leporellos erscheinen seit Ende der 60er Jahre unter dem Mädchennamen der Künstlerin und unter dem von ihr eingeführten Begriff „Imagerie“, schwer zu übersetzen mit Bildsymbolik.

 

Die Künstlerin erzählt mit Chiffren oder Symbolen, mit abstrakten Formen und einem wohl durchdachten Farbkonzept gänzlich ohne Worte eigene Geschichten oder bekannte Märchen. Dabei bleibt sie stets der Bildwirkung, der Ästhetik der begrenzten und dennoch fortlaufenden Bildfläche verbunden. Damit stellt sie besondere Erwartungen an die Vorstellungskraft ihrer kleinen und großen Leser, die die Symbole und verschlüsselten Handlungsstränge erkennen und deuten müssen. Besondere Aufmerksamkeit erzielt sie auch dadurch, dass ihre Bilderfolgen/ Bildfriese als Originallithografien gedruckt werden. Sie rücken damit in die Nähe des Künstlerbuchs und setzen sich deutlich von dem in größeren Auflagen auf glattem „Industriepapier“ gedruckten Bilderbuch ab. Vielen gilt die Künstlerin als Pionierin des Genres Künstlerbuch / Livre d’Artiste / Artist’s Book der Zeit nach dem II. Weltkrieg. Besondere Unterstützung erfährt sie dabei unter anderem von der Pariser Galerie Adrien Maeght, die die kleinen Buchobjekte in ihrer Kunstanstalt „Ateliers Arte“, Paris, drucken lässt und sie international vor allem in Galerien und weniger im Buchhandel vertreibt.

 

2003 widmet das Haus Konstruktiv in der Zentralbibliothek Zürich der Künstlerin zum 90. Geburtstag eine retrospektive Ausstellung. Dort liegt auch er künstlerische Nachlass der Künstlerin.

Literatur/Links

Warja Lavaters Kunst der chiffrierten Erzählung: Ein blauer Punkt für…

 

Zeitlose Punkte voll erzählerischer Kraft: Ihre Bücher sind...

 

 
 
Christophe Meunier, "Les imageries de Warja Lavater : une mise en espace des contes...", in: Les territoires de l'album. L'espace dans les livres pour enfants. Januar 2013, https://lta.hypotheses.org 396 (20/02/20)
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