Ernst Kreidolf (1863 -1947)

Blumen-Märchen

Bilder, Texte und Lithographie von Ernst Kreidolf
Köln a.Rh.: Hermann und Friedrich Schaffstein, 2. Auflage, o.J,
[24] Bl., 16 farb. Aquarelle, gedruckt als Originallithographien, zahlr. Strichzeichnungen
27,5 x 18,8 cm, Pd., farb. Umschlag

Das Buch und seine Geschichte

Das Bilderbuch erscheint erstmals 1898 im Selbstverlag, gedruckt bei der renommierten Kunstanstalt Piloty & Loehle in München und wird 1900 vom Schaffstein Verlag ins Programm genommen. Der Verlag bezeichnet diese Auflage als erste, obwohl sie eigentlich bereits die zweite ist. Die hier vorliegende, zweite Auflage im Schaffstein Verlag erscheint in kleinerem Format.

 

In seinen „Lebenserinnerungen“, Zürich 1957, schildert Kreidolf wie er bei einem Spaziergang im Spätherbst 1894 gänzlich unerwartet Schlüsselblumen und Enziane entdeckt und sie mit nach Hause genommen hat, um sie zu malen. Daraus entsteht eine Serie von Aquarellen, die Blumen als menschliche Wesen zeigen und kleine Szenen darstellen. 1897 werden diese Bilder zusammen mit anderen in Dresden ausgestellt, einen Verleger findet Kreidolf jedoch nicht. Mit finanzieller Hilfe der Fürstin von Schaumburg-Lippe können die „Blumenmärchen“ ein Jahr später jedoch im Selbstverlag erscheinen. Für die Texte hat Kreidolf zunächst einen Autor gesucht, schließlich übernimmt er diese Aufgabe selbst. Ein Jahr lang arbeitet der Lithograph Kreidolf an den etwa 150 Druckvorlagen für die 16 Aquarelle einschließlich derjenigen für die Farbauszüge und überwacht auch den Druck. Das dokumentiert Kreidolf, indem er sämtliche Farbbilder mit E. Kreidolf fec. (fecit) signiert.

 

Gereimte Texte begleiten kleine Szenen, die unabhängig aneinander gereiht sind. Sie sind mit „Die ersten Blumen“, „Der Schlüsselblumengarten“ oder „Der Gemüsemarkt“ benannt. Die Blumen haben menschliche Körper und tragen als Kopfbedeckung, Haartracht oder Halskrause jeweils spezifische Blütenblattformen und -farben. Ihre Kleider sind ebenfalls mit markanten Blattformen verziert oder von Ranken mit entsprechenden Früchten umspannt. Beim ersten Betrachten der Bilder stellt sich wie von selbst ein fröhliches Raten und Erkennen ein. So hat man die Blumen noch nie wahrgenommen.

 

Die Texte erinnern in Tonart und Inhalt an allzu Bekanntes, die Struktur des Buches mit seiner unregelmäßigen Abfolge von Farbbildern, Strichzeichnungen und Textseiten ist jedoch für diese Zeit ungewöhnlich. Hinzu kommen eine variable Bildkomposition und Raumaufteilung, der Wechsel von gerahmten Bildern und frei gestellten Szenen, die nuancenreiche Farbgebung, die nicht immer nur dem Lokalkolorit folgt, und die äußerst freie Handhabung des Zeichenstifts in den wie Skizzen hingeworfenen Zwischenblättern. Diese auf das Genaueste durchgestaltete Struktur lässt Kreidolfs Ziel, ein bibliophiles Maler-Bilderbuch vorzulegen, erkennen. Das Buch wird in Fachkreisen begeistert aufgenommen. Kreidolf berichtet, dass er in der viel gelesenen Zeitschrift „Der Kunstwart“ als aufgehender Stern gefeiert wurde. Von nun an erhält er zahlreiche Illustrationsaufträge, legt eine Reihe Bilderbücher vor und wird zum Vorbild für eine ganze Generation von Bilderbuchschaffenden.

Kurzvita

Ernst Kreidolf, geboren 1863 in Bern und 1956 dort verstorben, ist Schweizer Grafiker und Maler mit einer besonderen Bedeutung für die Entwicklung der Buchkunst des Jugendstils und des modernen, künstlerisch anspruchsvollen Bilderbuchs.
Nach einer Lithographenlehre in Konstanz besucht er ab 1883 die Kunstgewerbeschule in München und ab 1889 dort die Akademie der Bildenden Künste. Als Künstler schafft er seinen Durchbruch mit diesem ungewöhnlichen Buchprojekt, seinem ersten Bilderbuch „Blumenmärchen“, das er zunächst als eine Art Künstlerbuch herausbringt. Anschließend ist er ein gefragter Kinderbuchillustrator, der viele seiner Bücher selbst mit Texten versieht.

Literatur/Links

Ernst Kreidolf, Lebenserinnerungen, Zürich: Waldgut,1957

 

Roland Stark, Ernst Kreidolf - Der Malerpoet und seine Verleger, Frauenfeld: Huber, 2005

 

www.kreidolf.ch

 

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