Warja Lavater (1913 - 2007)

Cendrillon

(Aschenputtel)

(Aschenputtel)

Une imagerie d’après le conte de Charles Perrault

dessiné par Warja Lavater

Paris: Adrien Maeght Editeur, 1976

20 Faltungen, Leporello, Leinendeckel

16,0 x 11,2 cm, Originallithografie

Vorsatz vorne ausklappbar mit Erläuterungen der Symbole  

Das Buch und seine Geschichte

Auch für ihre Version vom Aschenputtel wählt Warja Lavater die frühe Fassung des Märchens von Perrault, in der es im Gegensatz zum Grimm-Text kein Grab der Mutter mit einem Haselbäumchen und auch keine Tauben, die Aschenputtel helfen, die Linsen zu lesen, gibt. Stattdessen hilft eine gute Fee mit ihrem Zauber, damit Aschenputtel in einem prächtigen Kleid am Tanzfest teilnehmen kann. Auch hier spielen Schuhe eine entscheidende Rolle. Es sind gläserne Pantöffelchen, die nur Aschenputtel passen. Die Künstlerin wählt für ihre Fassung ein kontrastreiches Farbkonzept, das mit größeren schwarzen Partien beginnt, sich zu einem sehr dunklen Oliv für die Bäume verändert und einen eindrucksvollen Kontrast für Aschenputtels Kleid bildet, das sie als locker geschlungene, orangene Spirale zeichnet. Sie umschlingt Aschenputtel, ein grauer Kreis mit einer blauen Binnenform und blauer Umrandung, und verleiht ihm optische Dominanz. Die gläsernen Schuhe sind als kleine, orangene Ovale wiedergegeben, umgeben von einer zarten blauen Linie. Sie zu suchen ist ebenso spannend wie die ganze Bildfolge zu entschlüsseln, die sich häufig mit über die Faltungen laufenden, ineinander greifenden Rahmenelementen wie die violetten, ockergelb abgesetzten Schlossmauern, den dunkelgrünen Wald oder schwarzen Kaminwänden zieht. Es entsteht ein eindrucksvolles, wechselvolles Panorama farbiger Bildsymbole, das an einen Wandfries erinnert.

Kurzvita

Warja (Honegger) Lavater, geboren 1913 in Winterthur, gestorben 2007 in Zürich, ist die Tochter der Schriftstellerin Mary Lavater-Sloman. Ihre Ausbildung absolviert sie von 1931 bis 1935 an der Kunstgewerbeschule in Zürich, an der am Bauhaus geschulte Lehrer unterrichten. Nach Studienaufenthalten in Stockholm, Basel und Paris gründet sie zusammen mit Gottfried Honegger, ihrem späteren Mann, ein Grafik-Atelier in Zürich. Von 1944 bis 1958 betreut sie die grafische Gestaltung einer Jugend-Zeitschrift. Besondere bildnerische Anregungen bezog sie von der zeitgenössischen, amerikanischen Werbegrafik während verschiedener Aufenthalte in New York von 1958 bis 1960. Mit ihrem ersten Leporello (Folded Story 1) “Wilhelm Tell“, das vom Museum of Modern Art in New York 1962 herausgegeben wird, findet sie zu ihren eigenwilligen Faltbüchern. Diese Leporellos erscheinen seit Ende der 60er Jahre unter dem Mädchennamen der Künstlerin und unter dem von ihr eingeführten Begriff „Imagerie“, schwer zu übersetzen mit Bildsymbolik.

 

Die Künstlerin erzählt mit Chiffren oder Symbolen, mit abstrakten Formen und einem wohl durchdachten Farbkonzept gänzlich ohne Worte eigene Geschichten oder bekannte Märchen. Dabei bleibt sie stets der Bildwirkung, der Ästhetik der begrenzten und dennoch fortlaufenden Bildfläche verbunden. Damit stellt sie besondere Erwartungen an die Vorstellungskraft ihrer kleinen und großen Leser, die die Symbole und verschlüsselten Handlungsstränge erkennen und deuten müssen. Besondere Aufmerksamkeit erzielt sie auch dadurch, dass ihre Bilderfolgen/ Bildfriese als Originallithografien gedruckt werden. Sie rücken damit in die Nähe des Künstlerbuchs und setzen sich deutlich von dem in größeren Auflagen auf glattem „Industriepapier“ gedruckten Bilderbuch ab. Vielen gilt die Künstlerin als Pionierin des Genres Künstlerbuch / Livre d’Artiste / Artist’s Book der Zeit nach dem II. Weltkrieg. Besondere Unterstützung erfährt sie dabei unter anderem von der Pariser Galerie Adrien Maeght, die die kleinen Buchobjekte in ihrer Kunstanstalt „Ateliers Arte“, Paris, drucken lässt und sie international vor allem in Galerien und weniger im Buchhandel vertreibt.

 

2003 widmet das Haus Konstruktiv in der Zentralbibliothek Zürich der Künstlerin zum 90. Geburtstag eine retrospektive Ausstellung. Dort liegt auch er künstlerische Nachlass der Künstlerin.

Literatur/Links

Warja Lavaters Kunst der chiffrierten Erzählung: Ein blauer Punkt für…

 

Zeitlose Punkte voll erzählerischer Kraft: Ihre Bücher sind...

 

 
 
Christophe Meunier, "Les imageries de Warja Lavater : une mise en espace des contes...", in: Les territoires de l'album. L'espace dans les livres pour enfants. Januar 2013, https://lta.hypotheses.org 396 (20/02/20)/
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