Hans Christian Andersen (1805 -1875)

Christines Bilderbuch

Hans Christian Andersen und Großvater Drewsen

Aus dem Dän. von Barbara Blezinger
Hrsg. und mit einem Nachwort von Erik Dal,
Reinbek b. Hamburg, Carlsen 1984
[122] Bl., XIV S., durchgehend farbig illustriert
31 x 24,5 cm, Ln, Schutzumschlag
(erste Faksimileausgabe des Originals)

Originaltitel: Christines Billedbog

„Er konnte die allerschönsten Geschichten und schnitt so drollige Bilder aus..“ (Aus: Die Blumen der kleinen Ida)
Das Buch und seine Geschichte

Das großformatige Buch entsteht zum dritten Geburtstag von Adolph Drewsens Enkelin Christine Stampe am 30. Oktober 1859. Die Motive der sehr verschiedenartigen Bildseiten werden aus unterschiedlichen Drucksachen ausgeschnitten, auf feste Papierbögen geklebt und handschriftlich mit Versen versehen von Hans Christian Andersen und Adolph Drewsen. Später werden die über 120 Blätter aufwändig in Leder gebunden. Das Material finden die beiden Freunde in illustrierten Zeitschriften, Reklamedrucken oder Jahrbüchern und in den weitverbreiteten Bilderbogen aus Frankreich und Deutschland. So entstehen im Verlauf der Seiten ungeordnete, assoziative Bildcollagen lange bevor diese Technik im 20. Jahrhundert von vielen Künstlern entdeckt wird. Viele Motive zeigen Tiere und Pflanzen, aber es finden sich auch viele Szenerien zu unterschiedlichsten Lebensbereichen.

In dieser erstmals gedruckten Ausgabe von „Christines Bilderbuch“ finden sich auf den jeweils linken Seiten Transkriptionen der handschriftlich in die Seiten eingefügten Texte, samt deutscher Übersetzung und ausführlichen Anmerkungen des Herausgebers.

Das Album verdankt sich der langjährigen Freundschaft beider Männer. Adolph Drewsen heiratete eine Tochter Collin, zu deren Familie Andersen seit seiner frühen Kopenhagener Zeit enge Beziehungen pflegt. Insgesamt entstehen drei Bilderbücher für Drewsens Enkeltöchter Rigmor, Astrid und Christine. Die Anteile der beiden Freunde sind in den meisten Fällen nicht bestimmbar. Verschiedene Motive wie Theaterprogramme oder üppige Blumenranken und verschiedene Tierfiguren sind Erik Dal zufolge eindeutig Andersen Vorlieben zuzurechnen. Die Textzeilen stammen meist von Drewsens Hand, aber die Reime können teilweise durchaus Hans Christian Andersen zugeschrieben werden. Eindeutig hingegen ist die Provenienz von fünf meist großformatigen Scherenschnitten, die Blätter 11,18, 59, 80, 91. Blatt 18 zeigt eine Trollfigur auf einem Rad, das von Schwänen, einem Lieblingsmotiv von Andersen, umgeben ist. In die Figur hinein hat wohl Drewsen geschrieben: Der Schöpfer dieses Mannes ist Hans Christian Andersen, Freund der Kinder. In die Ecken des Blattes ist jeweils eine kleine, farbige Zinnsoldatenfigur geklebt, ein Hinweis auf Andersens Märchen vom Zinnsoldaten.

 

Als eine Art Innentitel ist der Faksimileausgabe ein Zitat aus Andersens Märchen „Des Paten Bilderbuch“ aus dem Jahre 1868 vorangestellt, in dem er wohl sich selbst beim Verfassen/Montieren von Kinder-Alben und beim Geschichtenerzählen beschreibt.

 

Der Biograph Jens Andersen zitiert Hans Christian Andersen mit der Bezeichnung „Papierpoesien“ (S. 647) für seine bildnerischen Arbeiten und stellt einen Bezug her zum Märchen „Tante Zahnweh“, das er als literarische Collage charakterisiert, in der verschiedene Lagen von Texten und Gedichten ineinander geschoben sind. Dort findet sich auch der Satz „Du malst, wenn du sprichst“, den die Tante zu dem jungen Studenten/Dichter sagt. (HCA GA S.705)

 

Die Analysen des Biographen Jens Andersen stellen erstmals den Bezug zwischen Text- und Bildgestaltung her. Die „Collagen aus Wörtern und Bildern“ sieht er als konstitutives Element von Andersens Schaffen und betont den erzählerischen Charakter seiner Bilderbuch-Collagen. Die begleitenden Verse seien niemals „bloße Interpretationen“, sondern dienten der Anregung der kleinen Betrachter zum eigenen Mittun (S.653). „Für einen so kinderfreundlichen Collagenkünstler wie ihn war es unbedingt notwendig, dass der kleine Adressat des Bilderbuchs selbst zu einer mitwirkenden und mitschaffenden Kraft wurde.“ In Astrid Stampes Bilderbuch sei besonders deutlich zu erkennen, wie ganz unterschiedliche Bildausschnitte scheinbar wahllos vor das Kind gelegt werden, ähnlich einem zufällig zusammen gesuchten Haufen Bauklötzchen aus dem Kinderzimmer: “Von Italiens Natur/ Hast du hier ‘ne kleine Spur/ Hier ist ein Kaktus, dort gibt’s Ranken, / Setz sie zusammen in deinen Gedanken.“

Kurzvita

H.C. Andersen, geboren 1805 in Odense, gest. 1875 in Kopenhagen. Der dänische Dichter wird weltbekannt mit seinen insgesamt 156 Kunstmärchen, von denen viele in etwa 80 Sprachen und immer wieder neu publiziert werden. Weniger bekannt sind sowohl Andersens Romane und Gedichte als auch seine bildkünstlerischen Arbeiten, Zeichnungen, Scherenschnitte, Collagen. Darunter befinden sich auch Unikate von Bilderbüchern für Kinder. Dem Biographen Jens Andersen zufolge sind 16 Bilderbücher bekannt, es sei aber zu vermuten, dass weitere existiert haben.

Andersen, der das Zeichnen nie gelernt hat, beginnt zunächst mit Bleistiftskizzen, später mit der Feder seine Reiseeindrücke festzuhalten. In den Jahren 1830 bis 1833 entstehen zwei Hefte für den damals etwa sechsjährigen Otto Christian Zinck, Sohn des Singmeisters am königlichen Theater in Kopenhagen, Ludvig Zinck, bei dem Andersen regelmäßig zum Mittagessen eingeladen wird. Ab Anfang der 50er Jahre arbeitet Andersen an der von ihm selbst so bezeichneten Agnete-Literatur. Es sind fünf ungebundene Heftkladden für Agnete Lind. Sie ist die Tochter von Louise Collin, verheiratete Lind, die er im Hause von Jonas Collin, seinem väterlichen Freund und Gönner kennen gelernt und verehrt hatte. Vier der Originale befinden sich ebenso im Hans-Christian-Andersen-Haus in Odense wie die beiden Hefte für Otto Christian Zinck.

Zu dieser Zeit hat Andersen seine Scherenschnittfertigkeiten als Mittel gesellschaftlicher Unterhaltungskunst auf das Höchste kultiviert. Bei Besuchen seiner zahlreichen Gastgeber im In- und Ausland pflegt er seine Erzählungen mit Papieren und einer großen Schere in den Händen zu begleiten, auch, wie Kjeld Heltoft (S.102) vermutet, um sich selbst nicht zu langweilen. Die Scherenschnitte und Collagen beflügeln andererseits mit ihren immer neuen Formen auch seine künstlerische Phantasie, seinen Einfallsreichtum und seine Erzählkunst.

Literatur/Links

www.museum.odense.de

 

Jens Andersen, Hans Christian Andersen. Eine Biographie
Aus dem Dän. von Ulrich Sonnenberg, Frankfurt und Leipzig: Insel, 2005

 

Kjeld Heltoft, Hans Christian Andersen als bildender Künstler
Kopenhagen : Rosenkilde & Bagger,1980

 

Hans Christian Andersen. Sämtliche Märchen in zwei Bänden

Aus dem Dän. von Thyra Dohrenburg, mit Ill. von Vilhelm Pedersen und Lorenz Frolich

München, Winkler, o.J.

 

Hans Christian Andersen. Poet mit Feder und Schere.
Anne Buschhoff, Detlef Stein (Hrsg.) Köln: Wienand, 2018
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Bremen

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