Květa Pacovská (geb. 1928)

Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen

Text: Hans Christian Andersen
Aus dem Dänischen von Britta Coordes
Kiel: Michael Neugebauer Edition, 2005
[14] Bl., Filz-, Buntstift, Kohle, Collagen, teils schwarzer Grund
29,5 x 24 cm, farb. Pd., Schutzumschlag

Das Buch und seine Geschichte

Mit diesem Buch knüpft Květa Pacovská an die illustrativen Arbeiten ihrer frühen Jahre an, jedoch mit einem völlig neuen Ansatz. Wie in den folgenden vier Bänden dieser Serie sucht sie in freier, assoziativer Weise die klassische Märchenerzählung in eigenständige, häufig Doppelseiten füllende Bilder zu übertragen. Der Text wird, so scheint es, lediglich als Ausgangspunkt für die bildliche Umsetzung angesehen. Die wenigen Textseiten treten zurück zugunsten eines eigenen Farb- und Formenkonzepts mit ganzseitigen Bildern von großer emotionaler Eindringlichkeit. Man spürt förmlich die Armut des Mädchens in dem Bild zweier großer, nackter Füße, mit weißem Strich auf schwarzen Grund gezeichnet. Hunger, Kälte und Einsamkeit des Kindes verdeutlicht die folgende große, mit schwarzer Zeichenkohle gestrichelte Hausfassade, darin kleine, silberne Rechtecke, die auf Fenster verweisen, hinter denen es die Menschen warm haben. Ein schmaler weißer Streifen mit roten Strichen in der Hausfassade kann als Streichhölzer gedeutet werden, an deren Flammen sich das Kind zu wärmen sucht.

 

Auf diese berührende Doppelseite folgt unmittelbar ein schwarzes Tableau mit einem Esstisch und übergroßem Besteck. Es folgen helle Bilder, Silber mit bunten Farbstreifen, eine rote Seite mit dem Profil der geträumten Großmutter, ein freundliches Mondgesicht, noch einmal bunte Streichholzformen. Das Märchen endet mit dem Tod des Mädchens. Doch Kveta Pacovská schließt mit einem seitenfüllenden, abstrahierten Gesicht voller Buntstiftstreifen, die an die wärmenden Farben im Traum des Kindes erinnern.

 

Die Künstlerin fordert mit ihrer Trennung von wenigen Text- und vielen Bildseiten die assoziative Bildrezeption heraus, die zu einem tieferen Verständnis der Bedeutungsebenen des Märchens führt.

 

Mit dieser Art der Buchgestaltung fördert sie, ähnlich wie in den Spielbüchern, eine Art Bewegung im Buchraum. Das Blättern erfolgt nicht konsekutiv, sondern zielt auf ein Vor und Zurück, unterstützt durch das auffällige Farbkonzept kräftiger Kontraste von Schwarz, Weiß, Rot, Silber und wenig kräftigem Blau, Grün, und kleinen bunten Buntstiftflächen. Diese Kontraste zu ordnen, im Kontext zu verstehen und auf das Märchen zu beziehen, ist die besondere künstlerische Spielform dieses Buches.

Kurzvita

Květa Pacovská, geboren 1928 in Prag, lebt und arbeitet in ihrem Geburtsort. Sie beschäftigt sich mit Konzeptkunst in Malerei, Grafik und Skulptur und gilt als Ausnahmekünstlerin im Bereich Kunst und Buch. Weltweit bekannt ist sie mit ihren Bilderbüchern geworden, die sie als eine Art Papierskulptur versteht.

 

Nach einem Studium an der Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design beginnt sie bereits in den 50er Jahren Märchen- und Kinderbücher zu illustrieren. Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs 1989 eröffnen sich neue Freiräume für ihre buchkünstlerische Arbeit. Sie findet Zugang zu den im Westen gebräuchlichen beschichteten Papieren und Kartons für Bilderbücher. Ihr erstes Projekt “Eins, fünf, viele“, 1990, ist zugleich ihr erstes Objektbuch für Kinder und markiert einen unübersehbaren Entwicklungsschritt der damals 62 jährigen Künstlerin.

 

Neben freien Arbeiten, z.B. großformatigen Ölbildern, Collagen, Objekten aus Pappe, Papier, Schnüren, Holz oder Metall gestaltet sie zahlreiche Buchprojekte als eine neuartige Form des Spielbuchs. Ihre buchkünstlerischen Arbeiten sieht Květa Pacovská als eine Art Papier-Architektur, in die man eintreten kann, um sie mit allen Sinnen zu erleben. „Meine Bilderbücher sind ein Zusammenspiel unterschiedlicher Leseweisen. Sie setzen jeweils eine andere Wahrnehmung des Raums, des Rhythmus, des Tastens oder der Farbe frei.“ Und: „Meine Malerei basiert keineswegs auf dem Verständnis, Texte auslegen oder bebildern zu wollen. Vielmehr arbeite ich auf der Grundlage der Bildenden Kunst.“ (Maximum Contrast, S. 148)

 

Pacovkás Arbeiten sind vielfach ausgestellt worden, darunter im Pariser Centre Pompidou, 2007, und  im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt/M., 2008. Ihre wichtigste Auszeichnung ist der Hans Christian Andersen Preis, 1992, einer der renommiertesten internationalen Preise für Kinder- und Jugendbücher, den die internationale Kinderbuch-Organisation IBBY alle zwei Jahre vergibt.

 

Über das KünstlerBilderBuch sagt die Künstlerin: „Das Bilderbuch ist die erste Galerie, die Kinder betreten.“

Literatur/Links

The Art of Květa Pacovská
Gossau-Zürich, Michael Neugebauer, 1993

 

Květa Pacovská, Ausstellungskatalog Palazzo Agostinelli,
Bassano del Grappa, 1999/2000

 

Květa Pacovská, Open Space
Paris: Fondation M. von Cronenbold 
Wabern: Benteli, 2001

 

Květa Pacovská, Maximum Contrast
Eva Lienhart (Hrsg.)
Katalog zur Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst. Frankfurt/M., Bargteheide: Michael Neugebauer, 2008

 

Květa Pacovská, Buchstabe
Maria Linsmann, Jens Thiele (Hrsg.)
Troisdorf: Bilderbuchmuseum Burg Wissem, 2010

Zurück zur Sammlung