Antonio Saura (1930 - 1998)

Der neue Pinocchio

Die Abenteuer des Pinocchio neu erzählt von Christine Nöstlinger
Hrsg.: Fondation Archives Antonio Saura, Meinier, Genf
Ostfildern: Hatje Cantz, 2010
300 S., 123 farb. und 64 schwarzweiße Strichzeichnungen
24,5 x 22,0 cm, Ln., farb.
Anhang mit Texten des Künstlers und des Herausgebers sowie bio-bibliografischen Notizen und dem Hinweis auf die Widmung Antonio Sauras für seinen Enkel Pablo Lazaro

 

OA: Las aventuras de Pinochio de Carlo Collodi
Galaxia Gutenberg/ Circulo de Lectores, Barcelona 1994.
Die ersten 300 Ex. enthalten je einen Originalfarbsiebdruck

Die Illustrationen in diesem Pinocchio widmet Antonio Saura in liebevoller Zuneigung dem kleinen Pablo Lazaro
Das Buch und seine Geschichte

Die vorliegende Ausgabe erscheint zwölf Jahre nach Sauras Tod und wurde nach der Erstausgabe aus dem Jahre 1994 zusammengestellt. 1995 als bestes Kunstbuch in Spanien ausgezeichnet, erhielt es den großen Kunstpreis der Stadt Paris und den Freiheitspreis von Sarajewo. Von Größe und Umfang her scheint die Neuausgabe weitgehend der Erstausgabe zu entsprechen – in unserem Zusammenhang bleibt dieses Buch ein Solitär, entspricht es doch mit seinem
Seitenumfang keineswegs dem Typus des Bilderbuchs. Andererseits ist es durchgehend illustriert, ganzseitige, farbige Bilder wechseln sich mit Strichzeichnungen unterschiedlichster Größe ab und lassen eine dominante Bilderfolge entstehen, die den Leser in eine eigene Welt entführt.

 

Antonio Saura illustriert, seinem Nachwort zufolge, seine Pinocchio-Ausgabe mit dem Ziel, von Kindern verstanden zu werden. Er nimmt seinen abstrakten, nicht an gegenständlicher „Richtigkeit“ ausgerichteten Stil zurück, ohne seine gestische Handschrift preiszugeben. Die Zeichnungen leben aus bewegten, dynamischen Umrisslinien, kritzelndem Lineament und locker hingeworfenen Farbflächen, häufig mit breitem Pinsel gezogenen Umrissforme oder bunten, das Seitenformat überspielende Kritzelzeichnungen. Im Gegensatz zu seinen eher tonig braun/schwarz gemalten Öl- oder Acrylbildern ist seine Palette hier buntfarbig. Pinocchios rotes Mäntelchen leuchtet immer wieder auf, häufig auch im Kontrast zu den klaren Grundfarben gelb und blau und natürlich schwarz.

 

Antonio Saura selbst weist auf die Verschiedenartigkeit seiner Illustrationen hin, einerseits malerische Pinselstrukturen und andererseits die flächig ausgemalten Konturzeichnungen. „Diese meinem Werk ungewöhnliche Doppelung hängt zum Teil mit einem technischen Problem, das der Farbe eigen ist, zusammen, aber auch mit dem Willen, die der Kinderwelt spezifischen grafischen Systeme wie Zeichentrickfilm und Comic einzubeziehen.“

 

Nach längerer Beschäftigung in den Jahren 1990 bis 1992 mit dem italienischen Kunstmärchen und dessen zahlreichen Illustrationen - als Buch erstmals 1883 erschienen – wählt Saura die moderne Textfassung von Christine Nöstlinger aus dem Jahre 1986. Sie gibt das pädagogische Programm einer repressiven Moral des 19. Jahrhunderts zugunsten einer kindlich unbefangenen Abenteuerlust und literarischen Phantastik auf und eröffnet dem Illustrator ganz neue Freiräume.

 

Saura schafft eine nahezu eigenständige Bilderzählung, die ebenso ungestüm wie heiter fabulierend Akzente setzt durch Übertreibung und humorvolle Zuspitzung. Für ihn bedeutet diese Arbeit zugleich eine Verbindung zur eigenen Kindheit. Als ihm eine Freundin ihre alte Pinocchio-Ausgabe leiht, erinnert er sein eigenes Kinderbuch und kann Papier, Format und Farbe, sogar seinen Geruch wieder erleben. Saura schließt sein Nachwort folgendermaßen: „ Eine Hommage an Collodi, gewiss, aber es ging mir auch darum, dem verworrenen, nebligen und unentzifferbaren Paradies der Kindheit Glanz und Tiefe zurückzugeben.“

Kurzvita

Antonio Saura, geboren 1930 in Huesca, Spanien, gestorben 1998 in Cuenca, Spanien. International bekannt ist er als Maler und Druckgrafiker und in vielen wichtigen, internationalen Ausstellungen (u.a. Biennale von Venedig, Documenta) und großen Museen weltweit vertreten.

 

1947 beginnt er als Autodidakt zu malen und zu schreiben. Ab 1952 hält er sich häufig in Paris auf und verkehrt im Kreis der Surrealisten. Er entwickelt einen sehr eigenen, gestischen Stil und findet zu einer radikal abstrakten Malerei. Ausgangspunkt bleibt dennoch der menschliche Körper, Gesichter und Köpfe gut erkennbar an den zahlreichen Übermalungen in den Bildern der 60er und 70er Jahre. Ab 1963 arbeitet er immer wieder auch als Illustrator und Grafiker, ab 1977 veröffentlicht er auch Texte zur zeitgenössischen Kunst. 

Literatur/Links
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