Tomi Ungerer (1931- 2019)

Die drei Räuber

München: Georg Lentz, 1961

[20] Bl., Federzeichnung, Gouache

29,5 x 21,5 cm, farb. Pd.

„Die Kinderbücher mache ich eigentlich vor allem für das Kind in mir.“
Das Buch und seine Geschichte

Mit diesem Märchen gestaltet Ungerer nach zahlreichen, cartoonhaft gezeichneten, zartfarbig kolorierten Kinderbüchern sein erstes, malerisches, stark farbiges Bilderbuch. Mit großflächigen, plakativen Bildern erzählt es von drei Räubern, die erst von ihrem bösen Tun ablassen, als sie eine Kutsche überfallen und nichts anderes als ein kleines Mädchen finden. Dieses Kind bringt mit seiner Ahnungslosigkeit, aber auch seinem Vertrauen die Räuber dazu, fortan ihre Goldschätze für Waisenkinder auszugeben. Zum guten Schluss bauen die nunmehr erwachsenen Kinder eine Stadt, deren drei Wehrtürme der Hutform der Räuber entsprechen.

 

Dieses klassische Bilderbuch, das vor über 50 Jahren erschienen ist und in über 20 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft wurde, lebt von seiner Ambivalenz zwischen Schauergeschichte und Wunder und seinem kalkulierten Einsatz der malerischen Mittel. Die stereotypen, schwarzen Silhouetten der Ungeheuer wandeln sich unvermittelt in eine friedfertige, sogar beschützende Haltung dem kleinen Mädchen gegenüber. Spätestens als einer der Räuber das schlafende Mädchen mit seinem gelben Hut vorsichtig im Arm hält, wird klar, dass diese Räubergeschichte ein gutes Ende nehmen wird.

 

Ungerer erzählt in Wort und Bild als listiger, hintersinniger Chronist eine ganz und gar unglaubliche Geschichte, an die man gerne glauben möchte. Seine bildnerischen Mittel wählt er entsprechend. Die drei Räuber mit ihren schwarzen, kegelförmigen Hüten und glockenartigen Mänteln wiederholen sich mehrfach als die Seiten bestimmende Silhouetten. Am Ende wiederholen sie sich auf einer Doppelseite als kleine rote Formen in einem Zug der geretteten Kinder.

Kurzvita

Tomi Ungerer, geboren 1931 in Strassburg,gestorben 2019 in Irland, lebt hauptsächlich in Irland. Er gehört zu den international bekanntesten und bewunderten, lebenden Zeichnern. Große Teile seines vielfältigen Werkes aus über 140 Büchern und etwa 40 000 Zeichnungen haben seit 2007 eine Heimat im Musée Tomi Ungerer in Straßburg gefunden.

 

Ungerer zeichnet seit seiner Kindheit. Er besucht in den Jahren 1953 -1954 nur kurz die Ècole Municipale des Arts Décoratifs in Strassburg, arbeitet anschließend als Dekorationsmaler und Druckgrafiker und versteht sich selbst als Autodidakt. Sein Umzug 1956 nach New York, wo er zunächst als Werbegrafiker und Cartoonist seinen Lebensunterhalt bestreitet, wird prägend. Beeindruckt von Zeichnern wie Edward Gorey, William Steig oder Saul Steinberg erscheint 1957 sein erstes Kinderbuch „The Mellops go Flying“, das sogleich ausgezeichnet wird. Es folgen weitere Bilderbücher, eine Auszeichnung 1959 mit der Goldmedaille der New York Society of Illustrators, zahlreiche freie Arbeiten wie Sozialsatiren und Cartoons, freizügige, satirisch-erotische Zeichnungen und viele weitere Kinderbücher, insgesamt etwa 70.

 

1971 zieht Ungerer nach Nova Scotia in Kanada, um auf dem Lande in der Abgeschiedenheit vom New Yorker Kunstbetrieb zu leben. 1976 verlegt er seinen Lebensmittelpunkt nach Irland. Von Mitte der 70er bis weit in die 90er Jahre zeichnet Ungerer keine Kinderbücher. Mit „Otto“, einer Kindergeschichte zur Vertreibung der Juden durch die Nazis, meldet sich Tomi Ungerer 1999 als einer der ganz großen Kinderbuchkünstler zurück.

 

1998 erhält er die Hans-Christian-Andersen-Medaille, den international renommiertesten Preis auf diesem Gebiet, für sein Gesamtwerk im Bereich Kinder - und Jugendliteratur. Im Frühjahr 2015 ehrt ihn das New Yorker Drawing Center mit der Retrospektive “All in One“.

 

In einem Video auf der offiziellen Homepage betont er die Bedeutung des Wortes für seine Kinderbücher: „every word is a part of a possible poem“ und: es sei „the greatest luck in the world to be able to write and draw“. Seine Geschichten beginnen mit einer Idee, dann zeichne und schreibe er „and with the writing things come together“.

Literatur/Links

Offizielle Homepage 

 

Musée Tomi Ungerer

Musées de la Ville de Strasbourg, 2007

 

Museum Tomi Ungerer

Werkkatalog zur ständigen Ausstellung

Zürich: Diogenes 2008

 

Tomi Ungerer et New York

Straßburg: Musées de Strasbourg et Editions La Nuée Bleue 2001

 

Tomi Ungerer

Eine Retrospektive veranstaltet von Daniel Keel

Zürich: Diogenes 1991

 

Tomi Ungerer. Der schärfste Strich der Welt

In: Du. Das Kunstmagazin, Dez./ 2010

 

Maurice Sendak, 

Caldecott & Co. Gedanken zu Büchern und Bildern.

Franfurt/M.: S. Fischer, 1999, (S. 119 ff.)

NA: Hamburg: Aladin, 2013

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