Jean de Brunhoff (1899 - 1937)

Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten

A. d. Franz. von Claudia Schmölders

Zürich: Diogenes, 1976

48 S., kolorierte Federzeichnung

37 x 27 cm, Pd., Hln

Gedruckt nach den Originalfilmen der franz. Erstausgabe.

 

OA: Histoire de Babar, le petit Éléphant

Paris: Jardin des Modes, 1931

"The pictures, rather than merely echoing the text, enrich and expand Babar's world." (Maurice Sendak, 1981)
Das Buch und seine Geschichte

Brunhoff zeichnet die Erlebnisse eines Elefantenkindes nach den Gutenachtgeschichten, die seine Frau den Kindern erzählt hatte. Als Babars Mutter von einem Jäger getötet wird, flieht er aus dem Urwald und kommt in die große Stadt. Staunen über Alltägliches und Fremdes, Abenteuerliches und Lustiges bereiten den Kindern so viel Vergnügen, dass sie die Geschichte dem Vater weitererzählen. Sohn Laurent, der nach dem frühen Tod des Vaters später eine ganze Babar-Industrie aufbaut, hat davon mehrfach berichtet.

Der Maler-Vater findet offensichtlich sehr schnell Spaß an der Geschichte, übernimmt den Fortgang, nicht ohne seine Kinder nach ihrer Meinung zu fragen. Es entsteht ein großartiger Erzählstrom von Bildern und Texten. Kühn werden kleine und größere Bilder kombiniert. Große Tableaus auf einer Doppelseite wechseln sich ab mit der lockeren Reihung kleinerer Szenen oder de Brunhoff führt in kühner Anordnung eine diagonale Abfolge ein, die weit über das Bildformat hinaus zu gehen scheint. Auch die Texte, die in runder, gut lesbarer Schulbuchhandschrift erscheinen, sind variabel auf den Seiten angeordnet, mal als größeres Schriftbild, mal nur eine Zeile. Sie bilden das erzählerische Gerüst, das erst mit den Bildern zu einem eindrucksvollen Ganzen wird.

In der großen Stadt trifft Babar eine alte Dame, die natürlich zur Freundin wird. Aus dem Elefantenkind wird eine Art Menschenkind in Gestalt eines Tieres. Es lässt sich einkleiden und trägt seinen Anzug mit der gebotenen Grandezza. Am Ende kehrt Babar zurück ins Elefantenland, wird König und heiratet in vollem Ornat mit Zobelcape und roter Robe seine Braut in einem voluminösen weißen Schleier. Das Verkleidungsspiel und die Größenunterschiede von Mensch und Tier ermöglichen dem Zeichner großartige Bildfindungen, die weit über die klassischen anthopomorphen Gestaltungen beispielsweise einer Beatrix Potter hinausgehen. 

Ungewöhnlich für die damalige Zeit ist sicherlich die Idee des Malers de Brunhoff der absoluten Gleichbehandlung von Bildern und Text. Die Bilder stehen sämtlich frei auf der Seite ohne Rahmen genau wie die Texte. Mit dieser Auffassung von Seitenformat und freier Erzählstruktur geht der Maler einen Schritt in Richtung Künstlerbuch, bei dem der Künstler das Buch als Medium ansieht, mit dem sich seine Vorstellungen am besten umsetzen lassen. De Brunhoff sprengt damit sowohl den formalen Rahmen des Bilderbuchs als auch den ihm bisher vertrauten des gerahmten Bildes. Sein Ruhm liegt zum guten Teil in der Gleichzeitigkeit des Erzählens mit Wörtern und Bildern stets mit dem Ziel, Kindern einen vertrauensvollen Blick auf die Welt, mag sie noch so fremd oder bedrohlich sein, zu vermitteln und sie gleichzeitig zu unterhalten. Vordergründig geht es um Abenteuerliches, aber mehr noch geht es um Gefühle des Staunens, des Vergnügens, der Freundschaft, des Vertrauens und gegenseitigen Verstehens. 

In dem Ausstellungskatalog „Drawing Babar“ ist de Brunhoffs Arbeitsweise für dieses erste Buch ausführlich dokumentiert. Nach relativ flüchtigen Skizzen entsteht eine Maquette, die bereits erste Texte mit einbezieht. Gut lässt sich nachvollziehen, wie der Künstler sorgfältig abwägt, was in Bildern und was durch den Text vermittelt werden soll.

Kurzvita

Jean de Brunhoff, geb. 1899 in Paris, gest. 1937 in Montana/Schweiz, französischer Maler und Autor, ist weltbekannt geworden mit seinen Bilderbüchern über Babar, den kleinen Elefanten.

 

Der Sohn eines Kunstverlegers studiert Malerei an einer privaten Akademie in Paris. Später arbeitet und studiert er bei dem Künstler Othon Friesz (1879 – 1949) in dessen Atelier, einem Vertreter des Fauvismus. De Brunhoff sah sich, Maurice Sendak zufolge, als Maler am Rande der französischen Avantgarde.

Brunhoff erkrankte Anfang der 30er Jahre schwer an Tuberkulose. Seine Babar-Bücher gelten als Weg des Künstlers, auch während langer Aufenthalte in Schweizer Sanatorien Kontakt zu seinen Kindern zu halten.

 

Besonders in Frankreich gilt de Brunhoff als der bekannteste Erneuerer des modernen Bilderbuchs. Schon das Format - übergroß, gedruckt auf gutem Papier und bei einem Umfang von 48 Seiten, ist es vergleichbar mit nur wenigen Bilderbüchern zuvor, beispielsweise von André Hellé (1911) und Edy Legrand (1919), die beide in ihrer Zeit mit großformatigen Ausgaben glänzen konnten. Die Verlegerfamilie de Brunhoff, die mit opulent illustrierten und gedruckten Zeitschriften hervorgetreten ist, hat sicher wesentlich zur ungewöhnlichen drucktechnischen Ausgestaltung der Babar-Bücher beigetragen.

 

Maurice Sendak, ist nicht müde geworden, auf die besondere Bedeutung dieses Künstlers hinzuweisen.

 

Weitere Bände: Le Roi Babar (1933) ABC de Babar (1934) Les Vacances de Zéphir (1936). Die Babar-Geschichten wurden von seinen Söhnen, besonders von Laurent, weitergeführt.

Literatur/Links

Maurice Sendak: Jean de Brunhoff

In: Caldecott & Co. Gedanken zu Büchern und Bildern

Frankfurt/Main: S. Fischer, 1999, S. 87ff.

(OA: Caldecott & Co., New York, 1988)

 

Helena Bertodano: Elephants and old masters

In: The Telegraph, 15. Sept. 2003

 

Christine Nelson: Drawing Babar. Early Drafts and Watercolors

New York: Pierpont Morgan Library, 2008

Ausstellungskatalog

 

Jean and Laurent de Brunhoff, Babar's Anniversary Album: Six Favorite Stories, with an Introduction by Maurice Sendak and family photos and captions by Laurent de Brunhoff
New York: Random House, 1981

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