Kurt Schwitters (1887-1948)

Die Märchen vom Paradies

Frankfurt/Main: Insel Verlag, 1979

31 S., Zeichnungen, Tusche, Collagen, Typographie, sw

27,5 x 21,3 cm , Pd., sw, grüne Schmuckfarbe

Faksimile

 

OA: Hannover: Aposs 1924, Aposs 2, 16/17 Serie Merz

 

 

 

Ein Originalexemplar befindet sich in der Berlinischen Galerie, Berlin und im Klingspor Museum, Offenbach.
Das Buch und seine Geschichte

Diese Ausgabe enthält drei Geschichten: Der Hahnepeter, Der Paradiesvogel, Das Paradies auf der Wiese. Ihre Entstehungsgeschichte beschreibt Käte Steinitz in ihren Erinnerungen an Kurt Schwitters ( S.54 ff.) Der Hahnepeter entsteht 1923 auf Anregung von Sophie Küppers, der späteren Frau von El Lissitzky. Ihr fällt ein altes Osterei in der Küche von Kurt Schwitters auf, der spontan eine Geschichte dazu erfindet. Er diktiert sie Käte Steinitz in die Schreibmaschine unter Zurufen der Kinder, denen er die Geschichte sowieso erzählen wollte. Steinitz zeichnet dazu und „dann kam Kurt mit einer großen Schere und ging den Zeichnungen zu Leibe.“ 

 

Als sich kein Verleger für die kleine, skurrile Geschichte findet, drucken Schwitters und Steinitz selbst die Lithos. „Der Hahnepeter erschien im Merz-Verlag als Familie Hahnepeter Nr.1, Väterchen gewidmet. Wir druckten nur 100 nummerierte Exemplare und nannten die Auflage den Luxuspeter. (...) Er flog direkt ins Paradies und die Kinder sahen ihm so traurig nach, dass eine Fortsetzung notwendig wurde.“ (Steinitz, S.62/63). So entstehen die beiden anderen Märchen, die teils mit dem gleichen Personal bestückt sind.

 

Zur Geschichte: Aus besagtem Ei schlüpft der Hahnepeter, eine Figur, die einem Hahn nachgebildet ist, mit nur einem Bein, das einer Kreiselspitze ähnelt. Der Schwanz mündet in einen Propeller mit einer Kurbel, an der die Kinder drehen können, bis der Hahnepeter schließlich fortfliegt. Das Märchen „Der Paradiesvogel“ ist als Fortsetzung angelegt. Hahnemann sucht den Hahnepeter und findet ihn im Paradies, wo alle Tiere Freunde sind, wo es eine Hofreitschule gibt, aber wo man sich auch entscheiden muss, entweder dort zu bleiben oder nach Hause zu gehen. „Das Paradies auf der Wiese“ erzählt von den Briefen, die Hahnemann nach Hause schreibt und die den kleinen Ernst dazu bringen, sich auch auf den Weg ins Paradies zu machen. Es geschehen allerhand verrückte Dinge, um in die Frage zu münden, was eine Lüge ist und wie man sie erkennt. 

 

Die kurzen Texte dieser drei kleinen Nonsense-Geschichten sind unterbrochen von Strichzeichnungen, Gruppen von Versalien, schwarzen Balken, gemalten oder geschnittenen Figuren. Verschiedene Schriftgrade und –typen wechseln sich ab und erzeugen auf freien Flächen abwechslungsreiche Schriftbilder.  

Kurzvita

Kurt Schwitters, geb 1887 in Hannover, gest.1948 in Ambleside/ Großbritannien, ist ein bekannter, deutscher bildender Künstler, Dichter, Rezitator, Publizist und Typograph. Von 1909 bis 1915 studiert er an der Akademie der Künste in Dresden. Ab 1915 lebt er wieder in Hannover, es entstehen erste Dichtungen und Bilder im kubistisch-expressionistischen Stil. Ab 1918 benutzt er für seine Arbeiten die unterschiedlichsten Materialien und arbeitet mit den Techniken der Collage, Montage und Assemblage. Bekannt wird er als Dadakünstler mit seiner Idee der „Merzkunst“, der Zeitschrift Merz, ab 1923, und besonders dem im gleichen Jahr begonnenen „Merzbau“, einer teils begehbaren surrealen Installation, und mit seinen Bildgedichten und Nonsense-Texten (Ur-Sonate). Im gleichen Jahr geht er in Holland auf eine Dada-Tournee zusammen mit Theo van Doesburg. In Berlin lernt Schwitters etwa zur gleichen Zeit El Lissitzky und Laslo Moholy-Nagy kennen und setzt sich intensiv sowohl mit der russischen Avantgarde als auch dem internationalen Konstruktivismus auseinander.

 

Zusammen mit Käte Steinitz entstehen drei Bilderbücher, die 1924 in „Die Märchen vom Paradies“ erscheinen. Die Protagonisten spielen u.a. auf seine Frau Helma und den Sohn Ernst (geb.1918) an. Schwitters’ Bilderbucharbeiten sind im Zusammenhang mit seinen Arbeiten für die Merzhefte zu sehen und wirken wie Fingerübungen zur Auseinandersetzung mit den Konventionen einer bürgerlichen Kunstauffassung. Den Aposs Verlag gründen Schwitters und Steinitz ebenfalls 1924, und nennen sein Programm nach den Anfangsbuchstaben: aktiv, paradox, ohne Sentimentalität, sensibel.

 

1937 sind vier von Schwitters Arbeiten in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen. Im gleichen Jahr emigriert er nach Norwegen, lebt ab 1941 zunächst in London, ab 1945 bis zu seinem Tode in Ambleside, Nordengland.

Literatur/Links

Kurt und Ernst Schwitters Stiftung

 

Kurt Schwitters Archiv, Sprengel-Museum, Hannover www.sprengel-museum.de

 

Kate T. Steinitz, Kurt Schwitters. Erinnerungen aus den Jahren 1918-1930

Zürich: Arche 1963 /1987

 

Kurt Schwitters. Merz – ein Gesamtweltbild

Ausstellungskatalog Museum Tinguely, Basel

Basel: Benteli, 2004

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