Kurt Schwitters (1887-1948)

Die Scheuche

Typographisch gestaltet von Kurt Schwitters,

Käte Steinitz und Theo van Doesburg

Faksimile

Paris: Orbis Pictus Club, 2013

6 Bl., rot und blau gedruckt

20,5 x 24,5 cm, Pd., rückwärtiger Innendeckel enthält franz. Übersetzung

 

OA: Hannover: Aposs,1925, Aposs 3, 14/15 der Serie Merz

 

 

Das Buch und seine Geschichte

Dieses schmale Bändchen mutet an wie eine Spielerei mit dem Setzkasten. Typographische Elemente, seien es Buchstaben, Balken, Zierleisten, Versalien und Gemeine unterschiedlicher Schriftgrade und -typen mischen sich von Seite zu Seite auf vergnügliche Weise. Monsieur le Coq, der Hahn, besteht aus dem Versalbuchstaben O mit Balken für Beine, Hals und Schnabel, der Bauer ist ein B mit Balkenbeinen und jeweils einem kleinen b als Füße. Aus der Vogelscheuche ist eine Scheuche geworden, ein großes X mit Hut, der von einem Quadrat mit darunterliegendem Balken herbeigezaubert wird. Es entsteht eine Art Nonsense-Bildmärchen aus bewegten Buchstabenfiguren, die mit kurzen Textzeilen verschmelzen.

 

Käte Steinitz (S.79ff) berichtet dazu: „Theo van Doesburg zuckten die Finger nach dem Setzkasten. Könnten wir nicht sofort ein anderes typographischeres Bilderbuch machen, noch konsequenter, nur Druckelemente benutzen.“(…)“ Kurt kannte den Schriftsetzer Paul Vogt, der in einer kleinen Druckerei gern mit neuen typographischen Ideen herumspielte. Zu ihm brachten wir die Scheuche. Er ließ uns schalten und walten, schnitt uns gern extragroße O, die wir für Monsieur le Coq, den Hahn, brauchten, und weigerte sich nicht, wie es jeder normale Setzer getan hätte, das kleine b als Füße des Bauern quer zu setzen und das große B ganz diagonal für den wütenden Bauern.“

Kurzvita

Kurt Schwitters, geb 1887 in Hannover, gest.1948 in Ambleside/ Großbritannien, ist ein bekannter, deutscher bildender Künstler, Dichter, Rezitator, Publizist und Typograph. Von 1909 bis 1915 studiert er an der Akademie der Künste in Dresden. Ab 1915 lebt er wieder in Hannover, es entstehen erste Dichtungen und Bilder im kubistisch-expressionistischen Stil. Ab 1918 benutzt er für seine Arbeiten die unterschiedlichsten Materialien und arbeitet mit den Techniken der Collage, Montage und Assemblage. Bekannt wird er als Dadakünstler mit seiner Idee der „Merzkunst“, der Zeitschrift Merz, ab 1923, und besonders dem im gleichen Jahr begonnenen „Merzbau“, einer teils begehbaren surrealen Installation, und mit seinen Bildgedichten und Nonsense-Texten (Ur-Sonate). Im gleichen Jahr geht er in Holland auf eine Dada-Tournee zusammen mit Theo van Doesburg. In Berlin lernt Schwitters etwa zur gleichen Zeit El Lissitzky und Laslo Moholy-Nagy kennen und setzt sich intensiv sowohl mit der russischen Avantgarde als auch dem internationalen Konstruktivismus auseinander.

 

Zusammen mit Käte Steinitz entstehen drei Bilderbücher, die 1924 in „Die Märchen vom Paradies“ erscheinen. Die Protagonisten spielen u.a. auf seine Frau Helma und den Sohn Ernst (geb.1918) an. Schwitters’ Bilderbucharbeiten sind im Zusammenhang mit seinen Arbeiten für die Merzhefte zu sehen und wirken wie Fingerübungen zur Auseinandersetzung mit den Konventionen einer bürgerlichen Kunstauffassung. Den Aposs Verlag gründen Schwitters und Steinitz ebenfalls 1924, und nennen sein Programm nach den Anfangsbuchstaben: aktiv, paradox, ohne Sentimentalität, sensibel.

 

1937 sind vier von Schwitters Arbeiten in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen. Im gleichen Jahr emigriert er nach Norwegen, lebt ab 1941 zunächst in London, ab 1945 bis zu seinem Tode in Ambleside, Nordengland.

Literatur/Links

Kurt und Ernst Schwitters Stiftung

 

Kurt Schwitters Archiv im Sprengel-Museum, Hannover, www.sprengel-museum.de

 

Kate T. Steinitz, Kurt Schwitters. Erinnerungen aus den Jahren 1918-1930.

Zürich: Arche 1963 /1987

 

Kurt Schwitters. Merz – ein Gesamtweltbild

Ausstellungskatalog Museum Tinguely, Basel

Basel: Benteli ,2004

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