Květa Pacovská (geb. 1928)

Eins, fünf, viele

Ravensburg: Otto Maier, 1990
[14] Bl., teils doppelt gefalzt, Ausschnitte, Klappen, Mischtechnik
27 x 19 cm, Spiralbindung, Pd., farbig

„The sense of my art is, and remains, a pathway.“
Das Buch und seine Geschichte

Mit diesem starkfarbigen Spielbuch macht die Prager Künstlerin erstmals international auf sich aufmerksam. Was zunächst wie ein einfaches, buntes Papp-Zählbuch für die Kleinen wirkt, entwickelt beim Aufblättern eine überraschende Dynamik.

 

„Nilpferd...ich, Vogel...du, schau mal!“ ist auf der ersten Doppelseite zu lesen, dazu ist links ein massives Nilpferd im schwarzen Mantel zu sehen und gegenüber unter der schwarzen Zahl Zwei eine rote, sitzende Clownsfigur, deren Körperform der Zwei darüber entspricht. Die Zahl Zwei steht zudem auf einer Klappe, unter der sich auf gelbem Grund ein Nilpferd mit einem roten Vogel verbirgt. Die Bezüge der einzelnen Elemente sind vielfach, nicht linear, sondern überraschend überkreuz. Diesem Prinzip folgt der Aufbau der nächsten Seiten, auf denen stets nicht nur die Augen und die kognitive Auffassung angesprochen werden, sondern auch die Finger, die Ausschnitten entlangspüren oder kleinere und größere Klappen aufbiegen, ein Minileporello aufziehen oder einen Prägedruck ertasten können.

 

Das Pappbilderbuch ist als eine Art Spiel aufgebaut, ein Angebot, Zahlen im räumlichen Kontext zu sehen. Dabei geht es nicht um die üblichen Alltagsgegenstände à la ein Ball, zwei Äpfel, drei Teller, sondern um ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Formen. Die Zahlen sind in Figuren übersetzt als Clown, Vogel oder Mann, die sich biegen, bücken oder strecken müssen, um die Form einer Zahl zu imitieren. Zahlen, so die Botschaft, haben nicht nur die ewig gleiche Form, sie sind wandelbar, haben einen eigenen Charakter, können bunt sein und: Sie laden zum Spiel ein.

Kurzvita

Květa Pacovská, geboren 1928 in Prag, lebt und arbeitet in ihrem Geburtsort. Sie beschäftigt sich mit Konzeptkunst in Malerei, Grafik und Skulptur und gilt als Ausnahmekünstlerin im Bereich Kunst und Buch. Weltweit bekannt ist sie mit ihren Bilderbüchern geworden, die sie als eine Art Papierskulptur versteht.

 

Nach einem Studium an der Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design beginnt sie bereits in den 50er Jahren Märchen- und Kinderbücher zu illustrieren. Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs 1989 eröffnen sich neue Freiräume für ihre buchkünstlerische Arbeit. Sie findet Zugang zu den im Westen gebräuchlichen beschichteten Papieren und Kartons für Bilderbücher. Ihr erstes Projekt “Eins, fünf, viele“, 1990, ist zugleich ihr erstes Objektbuch für Kinder und markiert einen unübersehbaren Entwicklungsschritt der damals 62 jährigen Künstlerin.

 

Neben freien Arbeiten, z.B. großformatigen Ölbildern, Collagen, Objekten aus Pappe, Papier, Schnüren, Holz oder Metall gestaltet sie zahlreiche Buchprojekte als eine neuartige Form des Spielbuchs. Ihre buchkünstlerischen Arbeiten sieht Květa Pacovská als eine Art Papier-Architektur, in die man eintreten kann, um sie mit allen Sinnen zu erleben. „Meine Bilderbücher sind ein Zusammenspiel unterschiedlicher Leseweisen. Sie setzen jeweils eine andere Wahrnehmung des Raums, des Rhythmus, des Tastens oder der Farbe frei.“ Und: „Meine Malerei basiert keineswegs auf dem Verständnis, Texte auslegen oder bebildern zu wollen. Vielmehr arbeite ich auf der Grundlage der Bildenden Kunst.“ (Maximum Contrast, S. 148)

 

Pacovkás Arbeiten sind vielfach ausgestellt worden, darunter im Pariser Centre Pompidou, 2007, und  im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt/M., 2008. Ihre wichtigste Auszeichnung ist der Hans Christian Andersen Preis, 1992, einer der renommiertesten internationalen Preise für Kinder- und Jugendbücher, den die internationale Kinderbuch-Organisation IBBY alle zwei Jahre vergibt.

 

Über das KünstlerBilderBuch sagt die Künstlerin: „Das Bilderbuch ist die erste Galerie, die Kinder betreten.“

Literatur/Links

The Art of Květa Pacovská
Gossau-Zürich, Michael Neugebauer, 1993

 

Květa Pacovská, Ausstellungskatalog Palazzo Agostinelli,
Bassano del Grappa, 1999/2000

 

Květa Pacovská, Open Space
Paris: Fondation M. von Cronenbold
Wabern: Benteli, 2001

 

Květa Pacovská, Maximum Contrast
Eva Lienhart (Hrsg.)
Katalog zur Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst. Frankfurt/M., Bargteheide: Michael Neugebauer, 2008

 

Květa Pacovská, Buchstabe
Maria Linsmann, Jens Thiele (Hrsg.)
Troisdorf: Bilderbuchmuseum Burg Wissem, 2010

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