Wolf Erlbruch (geb. 1948)

Frau Meier, die Amsel

Wuppertal: Hammer, 1995
[16] Bl., Mischtechnik, Collage, Pinsel, Pastell, Bleistift
21,5 x 28,3 cm, Pd. Farbig

Das Buch und seine Geschichte

Dieses kleine Drei-Personen-Stück inszeniert der Künstler mit einem liebevollen Blick auf seine Protagonisten: Frau Meier, eine stattliche Hausfrau mit schwarzer Schürze und einem länglichen Kopf voller unnötiger Sorgen, Herr Meier, ein kleiner freundlicher Herr mit Knubbelnase und runden Brillengläsern, und eine junge Amsel. Als Frau Meier den kleinen Vogel im Garten findet, gilt ihre ganze Sorge dem Tierkind. Sie füttert und pflegt die Amsel, doch wie lernt der Vogel fliegen? Diese Flugstunden sind der gestalterische Höhepunkt der Bilderzählung. Frau Meier breitet schließlich die stattlichen Arme aus und, o Wunder, fliegt über die Kuhwiese. Und Herr Meier fragt, als sie geheimnisvoll lächelnd zurückkommt: „Na, Ihr Amseln, seid Ihr geflogen?“

 

Das querformatige Buch lebt von einer durchdachten, szenischen Abfolge über die Doppelseiten hinweg, dem heiteren Blick auf die ungewöhnliche Proportionen der klar konturierten Figuren, den unterschiedlichen Malmitteln: Pinsel, Zeichenstift, farbig gemusterte Papiere, Pastellkreiden und dem souveränen Umgang mit der Bildfläche. Keine Buchseite gleicht der nächsten, sind doch Text und Bild immer wieder anders angeordnet. Häufig gibt es mit einer feinen roten Linie begrenzte Bildfelder, die gegen Ende hin jedoch ganz fehlen. Zum Fliegen passt kein Rahmen, die Weite des Himmels und der Träume ist unbegrenzt.

Kurzvita

Wolf Erlbruch, geb. 1948 in Wuppertal, lebt bis heute dort als Zeichner, Grafiker, Illustrator und Autor. Bis 2011 lehrte er Illustration, zuletzt an der Folkwang Hochschule der Künste in Essen. Er gilt in Deutschland als Erneuerer der Kinderbuchillustration der 90er Jahre. Mit teils ungewöhnlich knappen, oft collagierten Zeichnungen und Assemblagen kreiert er einen neuen Stil plakativer Bildgestaltung, der zahlreiche seiner Schüler beeinflusste.

 

Nach einem Grafik-Design-Studium an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen arbeitet er seit 1974 als Illustrator für Magazine und für Werbeaufträge, gestaltet Plakate und Buchumschläge. 1984 illustriert er sein erstes Kinderbuch, nachdem er selbst Vater geworden ist. Mit den Illustrationen zu seinem zweiten Buch „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ mit einem Text von Werner Holzwarth erzielt er 1989 große Aufmerksamkeit, was möglicherweise auch dem ungewöhnlichen Thema geschuldet ist. Das Buch zählt zu den zeitgenössischen Bilderbuchklassikern, erschien in mehr als 30 Sprachen und erreichte eine Auflage von über einer Million Exemplare.Seit diesem Erfolg widmet Wolf Erlbruch sich neben seiner Lehrtätigkeit intensiv der Kinderbuchillustration und schreibt auch eigene Texte. Erlbruch sieht sich selbst als Illustrator, empfindet jedoch seinen Zugang zum Text als autonomen Vorgang, der eigengesetzliche, dem Künstlerbuch verwandte Arbeitsweisen freisetzt.

 

Wolf Erlbruch wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt 2017 als erster deutscher Illustrator mit dem Astrid Lindgren Memorial Award, dem höchstdotierten internationalen Kinderbuchpreis.

Literatur/Links

Kinderliteratur im Gespräch – Wolf Erlbruch: Ein postmoderner Künstler? in: Lesezeichen. Mitteil. des Lesezentrums der PH Heidelberg, 15, 2004, S.25-56

 

Benedikt Erenz. Ich habe geglotzt wie ein Schaf. Interview mit Wolf Erlbruch, in: Die Zeit, 14.6.2017

 

Andreas Platthaus: Wer vom Sterben erzählt, muss das schlicht tun. in: FAZ, 9.6.2007

 

Andreas Platthaus: Aus dem kleinen, feinen Reingarnichts, in: FAZ, 5.4.2017

 

Vom kleinen Maulwurf und anderen Helden. Bilderbuchillustrationen von Wolf Erlbruch. Ausstellungskatalog Bilderbuchmuseum der Stadt Troisdorf, 1999

Zurück zur Sammlung