Gabriele Münter (1877 – 1962)

Gabriele Münter und die Kinderwelt

Frankfurt/Main und Leipzig: Insel Verlag, 1997

darin:

Friedels Bilderbuch

Skizzenbuch 1906 bis 1909

unveröffentlicht, Privatbesitz

Kolorierte Zeichnungen, 12 x 18 cm

Das Buch und seine Geschichte

In diesem Taschenbuch werden die Zeichnungen erstmals veröffentlicht, die Gabriele Münter für ihr Patenkind Friedel Schroeter, Tochter von Münters Schwester Emmy Schroeter, zwischen 1906 und 1909 angefertigt hat. In einem Skizzenbuch für das Kind zeichnet Münter immer wieder und auf Wunsch des Kindes insgesamt 13 Bilder. Fünf weitere Zeichnungen haben Wassily Kandinsky und die Freunde Moyssey Kogan, Alexander Sacharoff, Marianne von Werefkin und Wladimir von Bechtejeff beigesteuert. (Bis auf die Bilder von Kogan und Bechtejeff sind alle abgebildet.). Diese Bilder finden sich im Skizzenbuch auf den Seiten 14 bis 18 und sind wohl auf das Jahr 1909 zu datieren. Münter lebt zu dieser Zeit schon häufig in Murnau, wo sie 1909 ein Haus gekauft hat. Malerfreunde aus München kommen oft zu Besuch, ebenso wie Friedel, die ihre Ferien häufig bei der Tante verbringen darf.

 

Münter zeichnet kleine Alltagsszenen mit einfach konturierten Figuren, charakterisiert Körperbau und Bewegungen, zeigt Muster und Details, ganz nach Belieben und Erzählfreude. Die Zeichnung „Schlafende Friedel“, die das blonde Mädchen mit zwei Plüschtieren und einer Clownspuppe zeigt, wiederholt sich auf einem Farbholzschnitt von 1908 (16,7 x 23,9 cm, Städt. Galerie im Lenbachhaus, München) Weitere Verbindungen zwischen dem Bilderbuch und freien Arbeiten sind in der Publikation beschrieben.

 

Kleine weist ausführlich nach, wie sehr sich Münter, ebenso wie Kandinsky, von der sog. Kinderkunst angezogen fühlt und den naiven, unverstellten Kinderblick als Vorbild für eine von Konventionen befreite Malerei sieht. Es geht um den Eindruck des emotionalen Empfindens und darum, das Wesentliche in Form und Farbe wieder zu geben. Ebenso wie Klee und Kandinsky sammelt auch Münter Bilder von Kindern (etwa 300 Zeichnungen) und zitiert diese sowohl direkt als auch indirekt in den eigenen Bildern.

 

Die Bilderfolge: Katholischer Mann / Und seine Frau dazu / Ein Photographiermann / Berliner Straßenszene / Der Sturz /Getröstete Friedel – zerknirschter Vater / Friedel mit Cousine Annemarie / Kater Waske beim Mittagsschlaf / Auguste ist krank / Detta und Sofie beim Spülen / Ein Paar in Paris / Schlafende Friedel / Aufstieg zur Riederalp

Kurzvita

Gabriele Münter, geboren 1877 in Berlin, gestorben 1962 in Murnau, gilt als bedeutende Malerin und Grafikerin des deutschen Expressionismus. 1911 ist sie Mitbegründerin der Gruppe „Der blaue Reiter“ in München. Ihre künstlerische Ausbildung beginnt sie 1897 in Düsseldorf in einer ‚Damenkunstschule’. 1901 kommt sie nach München und besucht dort Kurse an der privaten Phalanx Kunstschule, an der Wassily Kandinsky lehrt.

 

Ab 1903 lebt sie bis 1914 mit Kandinsky zusammen und unternimmt viele Reisen mit ihm. 1906/07 entstehen während eines gemeinsamen Aufenthalts in Paris große Teile ihres grafischen Werkes – Farbholz- und Linolschnitte. 1909 findet Münter ein Landhaus im oberbayerischen Murnau und entwickelt dort ihre starkfarbige, schwarz konturierte, expressive Malweise. Sie pflegt freundschaftliche Beziehungen mit Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin, Franz Marc und anderen. 1917 trennt sich Kandinky endgültig von ihr. Ab 1931 lebt sie dauerhaft in Murnau.

 

Sie wird mit Malverbot von der NS-Diktatur belegt. Trotz massiver Bedrohung versteckt sie zahlreiche in ihrem Besitz befindliche Bilder von Kandinsky und anderen Künstlern des Blauen Reiter in ihrem Murnauer Keller und kann sie so vor der Vernichtung retten. Ihren umfangreichen künstlerischen Nachlass und Besitz vermacht sie 1957 der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München.

Literatur/Links

Jonathan Fineberg: Mit dem Auge des Kindes.

Kinderzeichnung und moderne Kunst.

Ausstellungskatalog, Lenbachhaus, München, 1995

 

Karoline Hille: Gabriele Münter: Die Künstlerin mit der Zauberhand, Köln: DuMont, 2012

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