Květa Pacovská (geb. 1928)

Hexeneinmaleins

Joh. Wolfgang von Goethe (Auszug aus „Faust“)
Bargteheide: Minedition, 2015
[19] Bl., Mischtechnik, Collage, Farbstift, Silberfolie,
25 x 25 cm, Pd., farbig

Das Buch und seine Geschichte

Wieder einmal überrascht Květa Pacovská mit einem ungewöhnlichen Thema. Sie wählt einen Text der klassischen Literatur, der eher nicht mit einem Bilderbuch in Verbindung gebracht wird. (s. auch unter Wolf Erlbruch)

 

In Goethes „Faust“ braut die Hexe im Auftrag Mephistos einen Zaubertrank, der Faust Jugend und Kraft verspricht, nicht ohne einen rätselhaften Zauberspruch zu murmeln. Dieses „Hexeneinmaleins“ hat auf vielfältige Weise Aufmerksamkeit erregt, nicht nur unter Germanisten. Mathematiker vermuten ein magisches Quadrat von drei mal drei Feldern mit der jeweiligen Quersumme von 15 hinter Goethes Text. In jedem Fall ist es ein Text zwischen Tiefsinn und Nonsense, vielleicht ist er auch als Groteske zu sehen im Hinblick auf das verführerische Versprechen, Alter und Tod des Menschen aufzuschieben.

 

Der rätselhafte und vieldeutige Text hat die Künstlerin angeregt, einmal mehr freie Bildräume zu gestalten, die außerhalb der Sprache funktionieren. Mit Farbakkorden und -klängen, mit Formkontrasten und gegenläufigen Figuren gestaltet sie eine Bildfolge, die die Fantasie stimuliert und das Verwirrspiel der Zahlen fortführt. Das Buch beginnt mit zwei Doppelseiten, auf denen sich Hexe und Mephisto gegenüberstehen, zwei ziemlich wilde Geschöpfe. Diesen Figuren, vor allem der Hexe in vielerlei Gestalt gesellen sich Zahlen, Formen und Textstreifen auf unterschiedlich farbigen Seiten hinzu. Weiß wechselt mit den maximalen Kontrastfarben Rot oder Schwarz, Kritzelseiten mit collagierten kontrastierenden Bildfeldern. Die Figuren und Flächen wollen „gelesen“, Bezüge gefunden, Gefühle benannt werden. Die Künstlerin spielt mit Versatzstücken einer Gegenständlichkeit, die beim Betrachten stets neu definiert werden muss. So nimmt der Hexenkochtopf vielerlei Gestalt an ebenso wie die Zahlen oder die menschlichen Figuren Faust, Mephisto und die Hexe. Die Bildseiten entsprechen der Ambivalenz und offenen, rätselhaften Form des Textes auf spielerische Weise und laden den Leser/ Betrachter geradezu ein, im Hin-und Herblättern dem Sinn des Hexenspruchs näher zu kommen.

Kurzvita

Květa Pacovská, geboren 1928 in Prag, lebt und arbeitet in ihrem Geburtsort. Sie beschäftigt sich mit Konzeptkunst in Malerei, Grafik und Skulptur und gilt als Ausnahmekünstlerin im Bereich Kunst und Buch. Weltweit bekannt ist sie mit ihren Bilderbüchern geworden, die sie als eine Art Papierskulptur versteht.

 

Nach einem Studium an der Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design beginnt sie bereits in den 50er Jahren Märchen- und Kinderbücher zu illustrieren. Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs 1989 eröffnen sich neue Freiräume für ihre buchkünstlerische Arbeit. Sie findet Zugang zu den im Westen gebräuchlichen beschichteten Papieren und Kartons für Bilderbücher. Ihr erstes Projekt “Eins, fünf, viele“, 1990, ist zugleich ihr erstes Objektbuch für Kinder und markiert einen unübersehbaren Entwicklungsschritt der damals 62 jährigen Künstlerin.

 

Neben freien Arbeiten, z.B. großformatigen Ölbildern, Collagen, Objekten aus Pappe, Papier, Schnüren, Holz oder Metall gestaltet sie zahlreiche Buchprojekte als eine neuartige Form des Spielbuchs. Ihre buchkünstlerischen Arbeiten sieht Květa Pacovská als eine Art Papier-Architektur, in die man eintreten kann, um sie mit allen Sinnen zu erleben. „Meine Bilderbücher sind ein Zusammenspiel unterschiedlicher Leseweisen. Sie setzen jeweils eine andere Wahrnehmung des Raums, des Rhythmus, des Tastens oder der Farbe frei.“ Und: „Meine Malerei basiert keineswegs auf dem Verständnis, Texte auslegen oder bebildern zu wollen. Vielmehr arbeite ich auf der Grundlage der Bildenden Kunst.“ (Maximum Contrast, S. 148)

 

Pacovkás Arbeiten sind vielfach ausgestellt worden, darunter im Pariser Centre Pompidou, 2007, und  im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt/M., 2008. Ihre wichtigste Auszeichnung ist der Hans Christian Andersen Preis, 1992, einer der renommiertesten internationalen Preise für Kinder- und Jugendbücher, den die internationale Kinderbuch-Organisation IBBY alle zwei Jahre vergibt.

 

Über das KünstlerBilderBuch sagt die Künstlerin: „Das Bilderbuch ist die erste Galerie, die Kinder betreten.“

Literatur/Links

The Art of Květa Pacovská
Gossau-Zürich, Michael Neugebauer, 1993

 

Květa Pacovská, Ausstellungskatalog Palazzo Agostinelli,
Bassano del Grappa, 1999/2000

 

Květa Pacovská, Open Space
Paris: Fondation M. von Cronenbold 
Wabern: Benteli, 2001

 

Květa Pacovská, Maximum Contrast
Eva Lienhart (Hrsg.)
Katalog zur Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst. Frankfurt/M., Bargteheide: Michael Neugebauer, 2008

 

Květa Pacovská, Buchstabe
Maria Linsmann, Jens Thiele (Hrsg.)
Troisdorf: Bilderbuchmuseum Burg Wissem, 2010

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