Maurice Sendak (1928 - 2012)

In der Nachtküche

A. d. Amerikanischen von Hans Manz

Zürich: Diogenes, 1971

[22] Bl., Filzstift, Wasserfarben

28,3 x 22 cm, Pd., farbig

 


OA: In the Night Kitchen

New York: Harper & Row, 1970 

„Das Bilderbuch ist mein Schlachtfeld.“
Das Buch und seine Geschichte

Im Gegensatz zu den fein gezeichneten, zart aquarellierten „Wilden Kerlen“ und vielen weiteren illustrierten Büchern, bei denen Sendak mit klassischer Kreuzschraffur und feinstem Lineament arbeitet, setzt er in der “Nachtküche“ einen kräftigeren Strich ein und bevorzugt eine flächige Gestaltung mit deckenden Farben.

 

Die absurde Geschichte, im Duktus an alte Kinderreime erinnernd, ist schnell erzählt. Der kleine Junge Mickey kann nicht einschlafen. Wie im Traum fliegt er durch die Nacht, verliert seine Kleider und fällt nackt in einen Teigbottich. Drei Bäcker, alle dem Komiker Oliver Hardy nachgestaltet, arbeiten Mickey in den Teig ein und schieben ihn in den Ofen. Doch Mickey kann sich befreien, knetet ein Teigflugzeug und fliegt damit durch die Nacht, um Milch zu holen. Er fällt in eine riesige Milchflasche, schöpft Milch für den Teig, um schließlich gemütlich wieder in seinem Bett zu liegen.
Die Bilder erinnern in Aufbau und Aufteilung an Comics, sie variieren im Format als schmale hoch- oder querrechteckige Streifen oder als ganz- oder halbseitige Tableaus. Die knappen Texte sind streifenförmig angelegt, wörtliche Rede findet sich in Sprechblasen.

 

Das Buch widmet er seinen Eltern Sadie und Philip und weist damit zugleich auf einen Impuls für die Entstehung des Buches hin. Als Kind, so beschrieb er es einmal, wollte er immer wissen, was draußen in der Nacht passiert, während er schlafen muss. Sendak entwirft eine fantastische Szenerie des nächtlichen Brooklyn, bei der die Hochhäuser aus Marmeladendosen, Milchkartons, Einmachgläsern, Sirupflaschen oder Kuchenschachteln bestehen, bekrönt von umgekehrten Trichtern, Schneebesen oder Flaschenöffnern.

 

Weitere Impulse für das Buch geben eine Ausstellung der Comics von Winsor McCay (besonders „Little Nemo of Slumberland“, 1904 ff.) 1966 im Metropolitan Museum of Art, die ihm die Bedeutung der Massenkultur sowie der populären Kunst der 30er und 40er Jahre (Disneys Micky Mouse) vor Augen führt, sowie die amerikanische Pop Art eines Andy Warhol (Oliver Hardy Multiple-Porträts) und das softair-plane à la Claes Oldenburg (Marcus,S.24)

Kurzvita

Maurice Sendak, geboren 1928 in Brooklyn, New York, gestorben 2012 in Richfield, Connecticut, gilt als einer der bedeutendsten und international angesehensten Bilderbuchkünstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Weniger bekannt sind hierzulande seine zahlreichen Bühnenausstattungen für Oper und Ballett, die seit 1979 entstehen, darunter für Mozarts “Zauberflöte“, 1981, Tschaikowskys „Nussknacker“-Ballett 1983, oder Humperdincks Hänsel und Gretel, 1997. Außerdem schreibt er Libretti für Opern nach eigenen Büchern und entwirft die Bühnenausstattungen.

 

Maurice Sendak zeichnet seit seiner Kindheit. Seine frühen Comics werden in einer Schülerzeitung gedruckt und wenig später beginnt er zusammen mit seinem älteren Bruder, mechanisches Spielzeug herzustellen, das bekannte Märchenmotive in kleine Szenen umsetzt. Diese Arbeiten bringen ihm eine Anstellung beim New Yorker Spielwarenhaus F.O.Schwarz als Dekorateur ein. In dieser Zeit besucht er abends Kurse der Art Students League und lernt in der Kinderbuchabteilung von F.O.Schwarz die klassische europäische Märchen- und Bilderbuchillustration kennen. Ursula Nordstrom, innovative Verlegerin beim Verlag Harper & Row, erkennt früh Sendaks Begabung und fördert seine Entwicklung ab den 50er Jahren durch jährlich mehrere Illustrationsaufträge. 

 

Sendaks erstes „eigenes“ Bilderbuch erscheint 1963. „Wo die wilden Kerle wohnen“ ist seither in weltweit mehr als 20 Millionen Exemplaren erschienen. Maurice Sendaks Bibliografie umfasst nahezu 100 Titel. Besondere Bedeutung erlangen jedoch diejenigen Bücher, die er als genuines Werk geschrieben und illustriert hat. Das Bilderbuch wird für ihn eine eigenständige Kunstform, als das Medium, mit dem er seine künstlerischen Vorstellungen umsetzen kann. In seiner später von ihm selbst so bezeichneten Bilderbuch-Trilogie - “Wo die wilden Kerle wohnen“, “In der Nachtküche“, “Als Papa fort war“- verarbeitet er persönliche Kindheitserfahrungen auf sehr unterschiedliche künstlerische Weise. Alle drei Titel beschwören jedoch magische Orte und vielfältige Wege, dorthin zu gelangen, um schließlich doch wieder an einen sicheren Platz zurückzukommen.

 

(Das Bilderbuch) „ist mein Schlachtfeld. Der Ort, an dem ich mich ausdrücken kann(...). Dort bringe ich jene Phantasien zu Papier, die mich ein Leben lang begleitet haben.(...) Ich lebe im Bilderbuch; dort schlage ich alle meine Schlachten, und dort hoffe ich, meine Kriege zu gewinnen.“( Caldecott & Co., S.170)

 

Sendaks „eigene“ Bilderbücher stoßen häufig zunächst auf Unverständnis, werden sie doch als zu komplex, zu wenig „kindgemäß“ oder zu bedrohlich angesehen und besonders von Pädagogen gelegentlich strikt abgelehnt. Von Künstlerkollegen werden sie jedoch weltweit mit Begeisterung aufgenommen und von vielen Illustratoren als großartige Vorbilder gepriesen. Die wichtigsten Auszeichnungen sind: Caldecott Medal für  “Where the Wild Things Are“,1964, Hans Christian Andersen Medaille, 1970, Astrid Lindgren Memorial Award, 2003, jeweils für das Gesamtwerk. 2013 ehrt ihn die Society of Illustrators in New York mit einer großen, posthumen Retrospektive, verbunden mit einem Katalog.

 

Sendaks Nachlass befindet sich zu großen Teilen als Leihgabe in Philadelphia in der Sammlung Rosenbach Museum & Library. Seit Ende 2014 versucht die Sendak Foundation die Sammlung zurück nach Richfield, Conn. zu holen, um dort nach dem Willen des Künstlers in seinem Wohnhaus und einem Neubau ein eigenes Museum einzurichten. (New York Times,1. Dez. 2014.) Ab 2018/ 2019 befinden sich die Originale seiner veröffentlichten Bücher in der University of Connecticut.

Literatur/Links

 

www.sendakfoundation.org

 

Selma G. Lanes, The Art of Maurice Sendak, New York: Abrams, 1980

 

Tony Kushner, The Art of Maurice Sendak. 1980 to the Present, New York: Abrams, 2003

 

Leonhard S. Marcus (Hrsg.), Maurice Sendak. A Celebration of the Artist and his Work, New York: Abrams, 2013

 

Aufsätze, Reden und Interviews von und mit Maurice Sendak finden sich in: Maurice Sendak. Caldecott & Co., Frankfurt: S. Fischer, 1999, und Hamburg: Aladin, 2013, OA : New York, 1988

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