Otto Dix (1891 – 1969)

Kinderalbum

(Children’s Album, Album pour enfants)

Gleisberg, Dieter, (hrsg.)

Leipzig: Edition Leipzig, 1991

Nachwort des Herausgebers (dt., engl., franz.)

216 S., farb. Abb.

34 x 25 cm, Ln mit Schutzumschlag

(NA: Leipzig 2012)

 

Abgedruckt sind die Bildermappen (Privatbesitz):

Bilderbuch für Martin Koch, Muggeli,1922 (Stiefsohn),16 Bl.

Bilderbuch für Nelly Dix, um 1926, 16 Bl.

Bilderbuch für Ursus Dix, zwischen 1930 und 1933, 16 Bl.

Bilderbuch für Jan Dix, zwischen 1930 und 1933, 16 Bl.

Bilderbuch für Bettina Dix, um 1955 (Enkelin), 15 Bl.

Das Buch und seine Geschichte

Dieser Sammelband stellt alle damals bekannten Bildermappen des Künstlers für seine Kinder vor. Das „Bilderbuch für Muggeli“ ist separat auf dieser website beschrieben.

 

Das Bilderbuch für sein erstes eigenes Kind, die Tochter Nelly, unterscheidet sich inhaltlich durch die Darstellung einfacher Alltagsbegebenheiten, vertrauter Personen oder kleiner Warngeschichten von dem für Martin Koch. Dix malt die dreijährige Nelly im roten Kleidchen mit klarem Strich auf vielen Blättern als Protagonistin. Andere Geschichten beziehen sich möglicherweise auf Kinderlieder, wie beispielsweise das erste Blatt, das von einem Fuchs erzählt, der die Weihnachtsgans gestohlen hat und der vom Jäger erschossen wird. Andere zeigen Nelly, die eine Katze ärgert und prompt die scharfen Krallen des Tieres zu spüren bekommt. Nellys Bilderbuch veranschaulicht Dix’ Bemühen, für das noch sehr kleine Mädchen ein Album zu schaffen, das altersgemäß auf dessen Erlebniswelt eingeht.

 

Die Bilderalben für die Söhne Ursus und Jan, die wahrscheinlich ziemlich zeitgleich entstanden sind, folgen dem Muster seines ersten „Bilderbuch für Muggeli“. Es sind abenteuerliche Szenen von Löwenjagden, Indianern oder vom wilden Meer. Die ferne Welten schildernden Bilder sind teils in motivischer Anlehnung an frühere Bilderbuchbilder gestaltet, wie das Bild der „Urweltwesen“ aus „Muggeli“ das sich im Album für Jan wiederholt. Die Technik allerdings hat sich geändert. Dix malt jetzt mit schwungvollem Pinselstrich, sowohl Konturen, die über blasse Bleistiftskizzen laufen, als auch Flächen, häufig nass in nass. Die Farben sind dunkler abgemischt, die Formen voller Dynamik und zeigen nur grob angedeutete Lokalfarben.

 

Im Bilderbuch für Ursus finden sich zahlreiche wilde Kampfszenen, ein Löwe, der von einer Schlange erwürgt wird, Wölfe, die einen Reiter im Schnee überfallen, Schakale reißen ein Wildtier im Mondlicht. Aber es gibt auch einen Karnevalszug (s. dazu Bilderbuch für Hana), angeführt von einem die Sense schwingenden Knochenmann, gefolgt von Hexe, Clown und einem Männchen mit riesigem Schwellkopf. Es finden sich drei Bilder zur Münchhausen-Sage, ein dramatischer Kampf des heiligen Georg mit den Drachen und ein Schiffbruch auf wilder See.

 

Das Bilderbuch für den ein Jahr jüngeren Jan beginnt ebenfalls mit einer Karnevalszene (s. unter Bilderbuch für Hana). Doch jetzt dominiert der eher flüchtige Pinselstrich. Clown, Hexe, Affe, Ente und ein hochgerecktes, gehörntes Tier in braunem Fell und mit gefletschten Zähnen sind weniger scharf voneinander abgegrenzt und bilden einen starken Kontrast zu dem mit schwarzem Strich konturierten Schwellkopf oben links mit riesigen Ohren, einer enormen Nase über mächtigem Gebiss. Auch in diesem Bilderalbum gibt es zahlreiche Kampfszenen, ein Elefant wird von einem Tiger angefallen, ein farbiger Jäger erlegt einen Löwen, eine Wildschweinjagd. Auf einem Bild schaut man fast frontal in den riesigen Walschlund, der gerade vier Dreimaster zu verschlingen scheint. Es gibt einen Stierkampf, einen großartigen feuerspeienden Vulkan und zum Schluss den Tanz dreier Gerippe. Die Bilder dieser beiden Bücher überzeugen mit ihrer dynamischen Erzählstruktur, dem überraschenden Wechsel der Szenen und den teils kühnen Heldenfiguren.

 

Die über 20 Jahre später gemalten Bilder für Enkelin Bettina haben ein kleineres Querformat und zeigen das kleine Mädchen im Alltagsleben, beim Spielen, Baden, Nüsse sammeln, Milchholen oder beim Sonntagsspaziergang mit den Großeltern. Ein Dackel als treuer Begleiter, aber auch ein Hahn auf dem Misthaufen oder Kuh und Gans treten auf, ebenso wie der Malergroßvater vor der Staffelei. Bei diesen Bildern kehrt Dix zurück zur klaren Kontur, zur einfachen Form und einer lichten Farbgebung. Dix lässt in seinen Bildern das Kind sich selbst erkennen als handelnde, aber auch erinnernde Figur. Ähnlich wie im Bilderbuch für seine Tochter Nelly widmet sich der Künstler dem Kind und seiner eigenen Erlebniswelt – für die etwas älteren Jungen scheint ihm die abenteuerliche Außenwelt passender.

Kurzvita

Otto Dix, geb.1891 in Gera, gest. 1969 in Singen, Maler und Grafiker der neuen Sachlichkeit und des Expressionismus.

Nach einer Lehre als Dekorationsmaler Studium an der Kunstgewerbeschule in Dresden. An den Kriegsdienst 1914 bis 1918 schließt sich ein Studium an der Staatl. Akademie der Bildenden Künste in Dresden an. Dix ist Mitbegründer der ‚Dresdner Sezession’ 1919. Er gilt als Bahnbrecher der neuen Sachlichkeit, eines neuartigen, sozialkritischen Realismus, auch als Verismus bezeichnet. Von1927 bis 1933 lehrt er als Professor an der Kunstakademie in Dresden. In dieser Zeit erlebt er seinen künstlerischen Durchbruch und Anerkennung durch Beteiligung an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland. 1933 verliert er als einer der ersten Kunstprofessoren seine Anstellung an der Akademie durch die Nazis. Er entzieht sich dem politischen Druck und der latenten persönlichen Bedrohung durch innere Emigration und Verlegung des Wohnsitzes aufs Land nach Süddeutschland. 1937/38 werden acht seiner Bilder in der Ausstellung ‚Entartete Kunst’ in München gezeigt; insgesamt werden 260 Werke aus deutschen Museen beschlagnahmt. Ab 1936 lebt er hauptsächlich in seinem Haus in Hemmenhofen am Bodensee, das heute als Museum eingerichtet ist. Er hinterlässt ein umfangreiches Werk mit mehr als 6000 Zeichnungen und Skizzen.

Literatur/Links

Otto Dix Stiftung 

 

Otto Dix – zum 99. Kinderwelt und Kinderbildnis

Wendelin Renn (hrsg.) Ausstellungskatalog der Städt. Galerie

Villingen-Schwenningen, 1991

 

Olaf Peters: Otto Dix. Der unerschrockene Blick.

Eine Biographie, Stuttgart 2013

 

Otto Dix. Der böse Blick

Ausstellungskatalog, Hrsg. Kunstsammlung Nordrheinwestfalen

Düsseldorf, 2017/ London, Tate, 2017

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