Warja Lavater (1913 - 2007)

La Fable du Hasard

(Die Fabel vom Glück)

dessinée par Warja Lavater

Paris: Adrien Maeght Editeur, 1968

14 Faltungen, Leporello, Originallithografie

15,5 x 11,0 cm, Pappdeckel

Mit einem Vorwort von Warja Lavater und einem Zitat nach Charles Perrault am Schluss

Das Buch und seine Geschichte

Mit diesem Faltbuch gibt die Künstlerin Einblick in ihre Arbeitsweise, an deren Anfang eine intensive Beschäftigung mit der Textvorlage steht. In handgeschriebener Form beschreibt sie auf der ersten Doppelseite ihren Bezug zu dem Stoff, der sich bei Perrault unter dem Titel „Les Souhaits Ridicules“ (Die lächerlichen Wünsche), bei Grimm als „ Der Arme und der Reiche“ findet. Warja Honegger-Lavater wählt die Grimm’sche Form, erzählt es jedoch, ihren eigenen Worten zufolge, in einer neuen Sprache. „C’est le language visuel qui laisse tout liberté à l’interpretation de chacun. Ainsi se maintiennent dans la „Fable du Hasard“ les dons de créer et l’imagination.....“ Auf der folgenden Doppelseite stellt die Künstlerin ihre Symbole vor, begleitet von für den Fortgang der Bilderzählung entscheidenden Kurztexten.

 

Le Hasard, bei Grimm als Gott bezeichnet, wird dargestellt als ein blauer Punkt oder Punktlinien, der bei dem Reichen, charakterisiert als schwarze Zackzacklinie, keinen Einlass findet. Er wird vom Armen und seiner Frau, beide als olivgrüne Spirale in einem kleinen, grauen Quadrat wiedergegeben, aufgenommen. Nachdem Gott den Armen drei Wünsche erfüllt hat, eilt der neidische Reiche hinter Gott her, dargestellt mit schwarz, braun und ocker gemalten, teils heftig wirkenden Kurvaturen, um ebenfalls um die Erfüllung seiner Wünsche zu bitten. Er jedoch verschwendet sie zur Lösung von Widrigkeiten auf seinem Heimweg. Das arme Ehepaar indes finden wir am Schluss in ihrem lichten Haus. Die vorletzte Doppelseite zeigt zwei schwebende Spiralen in grün und blau vor einem heiteren Hintergrund, überstrahlt von mit zahllosen winzigen Punkten dargestelltem, Sonnenlicht. Auf der letzten Doppelseite findet sich ein Satz von Perrault, wiederum handschriftlich und diesmal unregelmäßigen Linien folgend, über die Unfähigkeit vieler zum Dank.

Kurzvita

Warja (Honegger) Lavater, geboren 1913 in Winterthur, gestorben 2007 in Zürich, ist die Tochter der Schriftstellerin Mary Lavater-Sloman. Ihre Ausbildung absolviert sie von 1931 bis 1935 an der Kunstgewerbeschule in Zürich, an der am Bauhaus geschulte Lehrer unterrichten. Nach Studienaufenthalten in Stockholm, Basel und Paris gründet sie zusammen mit Gottfried Honegger, ihrem späteren Mann, ein Grafik-Atelier in Zürich. Von 1944 bis 1958 betreut sie die grafische Gestaltung einer Jugend-Zeitschrift. Besondere bildnerische Anregungen bezog sie von der zeitgenössischen, amerikanischen Werbegrafik während verschiedener Aufenthalte in New York von 1958 bis 1960. Mit ihrem ersten Leporello (Folded Story 1) “Wilhelm Tell“, das vom Museum of Modern Art in New York 1962 herausgegeben wird, findet sie zu ihren eigenwilligen Faltbüchern. Diese Leporellos erscheinen seit Ende der 60er Jahre unter dem Mädchennamen der Künstlerin und unter dem von ihr eingeführten Begriff „Imagerie“, schwer zu übersetzen mit Bildsymbolik.

 

Die Künstlerin erzählt mit Chiffren oder Symbolen, mit abstrakten Formen und einem wohl durchdachten Farbkonzept gänzlich ohne Worte eigene Geschichten oder bekannte Märchen. Dabei bleibt sie stets der Bildwirkung, der Ästhetik der begrenzten und dennoch fortlaufenden Bildfläche verbunden. Damit stellt sie besondere Erwartungen an die Vorstellungskraft ihrer kleinen und großen Leser, die die Symbole und verschlüsselten Handlungsstränge erkennen und deuten müssen. Besondere Aufmerksamkeit erzielt sie auch dadurch, dass ihre Bilderfolgen/ Bildfriese als Originallithografien gedruckt werden. Sie rücken damit in die Nähe des Künstlerbuchs und setzen sich deutlich von dem in größeren Auflagen auf glattem „Industriepapier“ gedruckten Bilderbuch ab. Vielen gilt die Künstlerin als Pionierin des Genres Künstlerbuch / Livre d’Artiste / Artist’s Book der Zeit nach dem II. Weltkrieg. Besondere Unterstützung erfährt sie dabei unter anderem von der Pariser Galerie Adrien Maeght, die die kleinen Buchobjekte in ihrer Kunstanstalt „Ateliers Arte“, Paris, drucken lässt und sie international vor allem in Galerien und weniger im Buchhandel vertreibt.

 

2003 widmet das Haus Konstruktiv in der Zentralbibliothek Zürich der Künstlerin zum 90. Geburtstag eine retrospektive Ausstellung. Dort liegt auch er künstlerische Nachlass der Künstlerin.

Literatur/Links

Warja Lavaters Kunst der chiffrierten Erzählung: Ein blauer Punkt für…

 

Zeitlose Punkte voll erzählerischer Kraft: Ihre Bücher sind...

 

 
 
Christophe Meunier, "Les imageries de Warja Lavater : une mise en espace des contes...", in: Les territoires de l'album. L'espace dans les livres pour enfants. Januar 2013, https://lta.hypotheses.org/396 (20/02/20)
 
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