Warja Lavater (1913 - 2007)

Le Petit Chaperon Rouge

(Rotkäppchen)

dessiné par Warja Honegger-Lavater

d’après un conte de Perrault

Paris: Adrien Maeght Editeur, 1965

20 Faltungen, Leporello, Originallithografie

16,2 x 11,2 cm, Leinendeckel mit Schuber

Das Buch und seine Geschichte

Mit diesem Leporello wendet sich Warja Honegger-Lavater dem bekannten Märchen vom Rotkäppchen zu, das hierzulande als Grimm’sches Märchen bekannt wurde. Allerdings geht bei Perrault die Geschichte nicht gut aus. Und so folgt die Künstlerin wohl eigentlich der Grimm’schen Version, denn ihr letztes Bild zeigt eine vergnügte Runde von Mutter, Großmutter, Rotkäppchen und Jäger, während der böse Wolf zuvor erschossen wurde.

 

Die Struktur der Bilder ist im Vergleich zu „Tell“ einfacher geworden, ornamentaler in der opulenten Darstellung wiederkehrender Motive wie dem Wald mit unzähligen Kreisen in abstuften Grüntönen. Mit dem vergleichsweise größeren Format hat die Künstlerin ihre Form gefunden, die künftig dominieren wird. Der Leineneinband der das gefaltete Papier haltenden Deckel mit einem aufgeklebten, bedruckten Etikett verleihen dem Buchobjekt Stabilität und Kostbarkeit und findet sich bei vielen der folgenden Märchenausgaben. Auch hier baut die Künstlerin die erzählerische und optische Spannung durch den Wechsel der Proportionen ihres Figurenensembles auf. Der Wolf, zunächst als kleiner, schwarzer Kreis inmitten vieler, grüner wächst zur die Doppelseite füllenden Riesenkreisform, die Bedrohung unmittelbar veranschaulichend. Das ist berührend und in allen Facetten nachvollziehbar und bringt den Betrachter in eine eigene Erzählhaltung. Die unterschiedlichen Symbole agieren wie Figuren und bilden durch ihre einfache, chiffrierte Gestalt einen Bilderreigen geometrischer Formen in meist harmonisch abgestimmten Farben.  

Kurzvita

Warja (Honegger) Lavater, geboren 1913 in Winterthur, gestorben 2007 in Zürich, ist die Tochter der Schriftstellerin Mary Lavater-Sloman. Ihre Ausbildung absolviert sie von 1931 bis 1935 an der Kunstgewerbeschule in Zürich, an der am Bauhaus geschulte Lehrer unterrichten. Nach Studienaufenthalten in Stockholm, Basel und Paris gründet sie zusammen mit Gottfried Honegger, ihrem späteren Mann, ein Grafik-Atelier in Zürich. Von 1944 bis 1958 betreut sie die grafische Gestaltung einer Jugend-Zeitschrift. Besondere bildnerische Anregungen bezog sie von der zeitgenössischen, amerikanischen Werbegrafik während verschiedener Aufenthalte in New York von 1958 bis 1960. Mit ihrem ersten Leporello (Folded Story 1) “Wilhelm Tell“, das vom Museum of Modern Art in New York 1962 herausgegeben wird, findet sie zu ihren eigenwilligen Faltbüchern. Diese Leporellos erscheinen später schon vor der endgültigen Trennung von Gottfried Honegger 1972 unter dem Mädchennamen der Künstlerin und unter dem von ihr eingeführten Begriff „Imagerie“, schwer zu übersetzen mit Bildsymbolik.

Die Künstlerin erzählt mit Chiffren oder Symbolen, mit abstrakten Formen und einem wohl durchdachten Farbkonzept gänzlich ohne Worte eigene Geschichten oder bekannte Märchen. Dabei bleibt sie stets der Bildwirkung, der Ästhetik der begrenzten und dennoch fortlaufenden Bildfläche verbunden. Damit stellt sie besondere Erwartungen an die Vorstellungskraft ihrer kleinen und großen Leser, die die Symbole und verschlüsselten Handlungsstränge erkennen und deuten müssen. Besondere Aufmerksamkeit erzielt sie auch dadurch, dass ihre Bilderfolgen/ Bildfriese als Originallithografien gedruckt werden. Sie rücken damit in die Nähe des Künstlerbuchs und setzen sich deutlich von dem in größeren Auflagen auf glattem „Industriepapier“ gedruckten Bilderbuch ab. Vielen gilt die Künstlerin als Pionierin des Genres Künstlerbuch / Livre d’Artiste / Artist’s Book der Zeit nach dem II. Weltkrieg. Besondere Unterstützung erfährt sie dabei unter anderem von der Pariser Galerie Adrien Maeght, die die kleinen Buchobjekte in ihrer Kunstanstalt „Ateliers Arte“, Paris, drucken lässt und sie international vor allem in Galerien und weniger im Buchhandel vertreibt.

 

2003 widmet das Museum für konstrutive Kunst "Haus Konstruktiv" in Zürich der Künstlerin zum 90. Geburtstag eine retrospektive Ausstellung. Der künstlerische Nachlass liegt in der Graphischen Sammlung der Zentralbibliothek Zürich.

Literatur/Links

Warja Lavaters Kunst der chiffrierten Erzählung: Ein blauer Punkt für…

 Zeitlose Punkte voll erzählerischer Kraft: Ihre Bücher sind...

 Lexikonartikel

 Princeton Graphic Arts Collection - https://www.princeton.edu/~graphicarts/2011/05/warja_lavater_imageries_1965-1.html
 
 Christophe Meunier, "Les imageries de Warja Lavater : une mise en espace des contes...", in: Les territoires de l'album.     L'espace dans les livres pour enfants. Januar 2013, https://lta.hypotheses.org/396 (20/02/20)
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