(Hans-Georg Barber) Atak (geb. 1967)

Martha

Hamburg: Aladin, 2016

[18 ] Bl., Deckfarben, Pinsel, Buntstift

27,5 x 30,5 cm, Pd., Leinenrücken

„Es geht darum, die Malerei zu spüren.“
Das Buch und seine Geschichte

Dieses ungewöhnliche Bilderbuch erscheint zunächst wie ein Fest der Malerei. Ein lebhafter Pinselschwung durchzieht weite Landschaften, spielt mit stilisierten Blüten und Bäumen, vereinfacht hingeworfenen Tierfiguren oder mit ganzen Reihen vereinfacht dargestellter Tannenwälder. Der Künstler erzählt mit Flächen ohne Konturlinien und schafft eine eigenwillige Buntheit aus der Palette der Komplementärfarben, deren Stumpfheit in unübersehbarem Kontrast steht zur gewohnten Farbigkeit der medialen Bildwelt unserer Gegenwart. Diese besondere Farbigkeit ist wie auch schon in seinem Bilderbuch „Der Garten“ das besondere Faszinosum des Buches. Sie sei eine bewusste Entscheidung, denn, so sein Statement, „es geht darum, die Malerei zu spüren.“

 

Das Buch erzählt vom Aussterben der in den Vereinigten Staaten von Amerika ehemals weit verbreiteten Vogelart der Wandertauben. Es sind farbenprächtige Tiere mit orangerotem Brustgefieder, bläulichem Kopf, dunkel- bis mittelblau changierenden Flügeldecken und großen, orangegerahmten Knopfaugen. Kein Zweifel, Atak erzählt eine wahre Geschichte. Dafür bürgen das Eingangsbild mit dem Porträt des Vogelkundlers und Zeichners John James Audubon, der mit vollem Namen und Lebensdaten vorgestellt wird.

 

Klar ist dennoch, dass es sich hier um kein Sachbuch handelt. Kleine und größere Begleitmotive reichen vom Dschungelbild im Hintergrund nach Art eines Henri Rousseau bis zur Randzeichnung des Kopfes von Hergés Comicfigur Tintin.

 

Diese Brechung der Ebenen kennzeichnet das ganze Buch. Berichtet wird aus der Perspektive von Martha, der letzten Wandertaube. Doch wir Leser bleiben entfernte Betrachter erfundener Landschaften, staunen über großartige Vogelschwärme und schauen dem Ornithologen über die Schulter beim Malen der präparierten Vögel und wenig später mit dem Wanderer des romantischen Malers Caspar David Friedrich „über das Nebelmeer“. Und wir finden immer wieder Figuren aus der Gegenwart, ein Teletubby ebenso wie einen sternförmig explodierenden Schuss, der uns als Motiv aus Comics und Popart vertraut ist. Es folgen Bilder vom Kampf um den Lebensraum zwischen Menschen und Vögeln, dargestellt als eine Art Bilderzählung aus Kinderhand in flächiger Reihung. Zum Schluss wird Martha im Zoo von Cincinnatti bestaunt von einer bunten Menschenmenge hinter Gitterstäben. Dies ist nun eindeutig der Blick des Vogels auf die Menschen.

Kurzvita

Atak (Hans-Georg Barber), geboren 1967 in Frankfurt/Oder, lebt als freier Künstler in Berlin. Bekannt wird er durch seines spezielle Art der Comic-Erzählung, die sich zwischen Malerei, Bildergeschichte und Illustration bewegt.

 

Auf seine Ausbildung als Schrift- und Grafikmaler folgt ein Studium der Visuellen Kommunikation an der Hochschule der Künste in Berlin. 1989 gründet er eine Comic-Gruppe und als Mitherausgeber das Comic-Magazin Renate. Seinen Künstlernamen übernimmt er aus seiner Zeit als junger Punkmusiker der Band Atak. Verschiedene Lehraufträge an Hochschulen und Auslandsreisen machen ihn besonders bei der jungen, zeitgenössischen Künstlergeneration bekannt.

 

Derzeit lehrt er Kommunikationsdesign an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle. Atak hat sich in zahlreichen Ausstellungen im In- und Auslandvorstellen können, beispielsweise 2015 im Cartoonmuseum in Basel. Seit einigen Jahren widmet er sich dem Bilderbuch als künstlerisches Medium, das er eigenwillig interpretiert. Sein erstes Bilderbuch erscheint 2007 in Frankreich mit einem Text von Muriel Bloch. Diese Arbeit habe ihn für das Medium Bilderbuch eingenommen, das er als wesentlich freier und weniger festgelegt als den Comic empfindet. Zusammen mit dem Zeichner und Autor Fil gibt Atak 2009 eine Adaption des Hoffmannschen Struwwelpeter heraus, die die beiden Künstler als Cover-Version bezeichnen. Das sagt viel aus über Ataks Umgang mit Vorgefundenem aus Alltagskultur ebenso wie der Kunstgeschichte.

Literatur/Links

Offizielle Homepage

 

www.burg-halle.de /hans-georg barbar

 

 Vom Straßenkünstler zum Kunstprofessor (Archiv) (18.03.2014)

 

Meanwhile…Atak – works from 1991 to 2011, Zürich: Walde & Graf, 2011

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