Tomi Ungerer (1931- 2019)

Otto. Autobiographie eines Teddybären

Deutsch von Anna von Cramer-Klett
Zürich: Diogenes,1999
33 S., 29,5 x 21 cm, Pd., Bleistift, Wasserfarben

„Ich bin mein eigenes Kind. Wenn ich ein Kinderbuch konzipiere, ist es für das Kind in mir.“
Das Buch und seine Geschichte

Ungerer lässt einen Teddybären erzählen: Von seinem Einzug in Davids Familie, von Davids Freund Oskar, von der Trennung der Freunde durch die Nazis. Bombenangriffe zerstören die Stadt. Von einem Soldaten in den Trümmern aufgelesen, wird Otto zum Maskottchen us-amerikanischer Soldaten. Schließlich landet Otto bei einem Trödler, in dessen Schaufenster der alt gewordene Oskar ihn findet. Durch einen Zeitungsartikel erfährt David von dem Fund, der die alten Freunde zusammenführt.

 

Mit realistischen, oft hellfarbig aquarellierten Zeichnungen und knappen Texten erzählt Tomi Ungerer eine deutsch-amerikanische Geschichte, die er zurückhaltend und ohne Verwendung seines vertrauten, scharf-karikaturistischen Strich anlegt. Einzig die Szenen von Zerstörung, Trümmern, Verletzung und Tod gestaltet er mit expressivem Strich und düsteren, gemischten Farben. Das Gesicht des Krieges bleibt auch im Kinderbuch schrecklich.

 

Ungerer weiß, wovon er spricht. Als Neunjähriger hat er den Einmarsch der Nazis im Elsass erlebt. Als kindlicher Zeichner dokumentiert er damals Krieg, Plünderungen und Indoktrination in der Schule. Diese frühen Erlebnisse lassen in ihm die Überzeugung wachsen, als Aufklärer, als der er sich versteht, auch in seinen Büchern für Kinder alle Facetten des Lebens, auch die schrecklichen, zu zeigen. Mit „Otto“ kehrt er nach bald 60 Jahren erneut in seine Kindheit zurück, nachdem 1993 seine Erinnerungen „Die Gedanken sind frei. Meine Kindheit im Elsaß“ erschienen war.

Kurzvita

Tomi Ungerer, geboren 1931 in Strassburg,gestorben 2019 in Irland, lebt hauptsächlich in Irland. Er gehört zu den international bekanntesten und bewunderten, zeitgenössischen Zeichnern. Große Teile seines vielfältigen Werkes aus über 140 Büchern und etwa 40 000 Zeichnungen haben seit 2007 eine Heimat im Musée Tomi Ungerer in Straßburg gefunden.

 

Ungerer zeichnet seit seiner Kindheit. Er besucht in den Jahren 1953 -1954 nur kurz die École Municipale des Arts Décoratifs in Strassburg, arbeitet anschließend als Dekorationsmaler und Druckgrafiker und versteht sich selbst als Autodidakt. Sein Umzug 1956 nach New York, wo er zunächst als Werbegrafiker und Cartoonist seinen Lebensunterhalt bestreitet, wird prägend. Beeindruckt von Zeichnern wie Edward Gorey, William Steig oder Saul Steinberg erscheint 1957 sein erstes Kinderbuch „The Mellops go Flying“, das sogleich ausgezeichnet wird. Es folgen weitere Bilderbücher, eine Auszeichnung 1959 mit der Goldmedaille der New York Society of Illustrators, zahlreiche freie Arbeiten wie Sozialsatiren und Cartoons, freizügige, satirisch-erotische Zeichnungen und viele weitere Kinderbücher, insgesamt etwa 70.

 

1971 zieht Ungerer nach Nova Scotia in Kanada, um auf dem Lande in der Abgeschiedenheit vom New Yorker Kunstbetrieb zu leben. 1976 verlegt er seinen Lebensmittelpunkt nach Irland. Von Mitte der 70er bis weit in die 90er Jahre zeichnet Ungerer keine Kinderbücher. Mit „Otto“, einer Kindergeschichte zur Vertreibung der Juden durch die Nazis, meldet sich Tomi Ungerer 1999 als einer der ganz großen Kinderbuchkünstler zurück.

 

1998 erhält er die Hans-Christian-Andersen-Medaille, den international renommiertesten Preis auf diesem Gebiet, für sein Gesamtwerk im Bereich Kinder - und Jugendliteratur. Im Frühjahr 2015 ehrt ihn das New Yorker Drawing Center mit der Retrospektive “All in One“.

 

In einem Video auf der offiziellen Homepage betont er die Bedeutung des Wortes für seine Kinderbücher: „every word is a part of a possible poem“ und: es sei „the greatest luck in the world to be able to write and draw“. Seine Geschichten beginnen mit einer Idee, dann zeichne und schreibe er „and with the writing things come together“.

Literatur/Links

Offizielle Homepage 

 

Musée Tomi Ungerer

Musées de la Ville de Strasbourg, 2007

 

Museum Tomi Ungerer

Werkkatalog zur ständigen Ausstellung

Zürich: Diogenes 2008

 

Tomi Ungerer et New York

Straßburg: Musées de Strasbourg et Editions La Nuée Bleue 2001

 

Tomi Ungerer

Eine Retrospektive veranstaltet von Daniel Keel

Zürich: Diogenes 1991

 

Tomi Ungerer. Der schärfste Strich der Welt

In: Du. Das Kunstmagazin, Dez./ 2010

 

Maurice Sendak, 

Caldecott & Co. Gedanken zu Büchern und Bildern.

Franfurt/M.: S. Fischer, 1999, (S. 119 ff.)

NA: Hamburg: Aladin, 2013

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