El Lissitzky (1890 - 1941)

Pro dva kvadrata (Von zwei Quadraten)

Berlin: Gerhardt, 1988 (2. A.)
[1o] Bl., russ. Text, Beiblatt mit dt. Übersetzung
28 x 22 cm, kart.

 

About 2 Squares

London: Tate Publ., 2014
Les Deux Carrés
Nantes: Éditions MeMo, 2013

 

OA: Berlin: Skythen,1922, in einer Auflage von 50 Ex.

„Die Handlung läuft filmartig ab.“
Das Buch und seine Geschichte

Auf dem schwarzen Vorsatz stehen als eine Art Widmung versetzt zwei kleinere unterschiedlich große Schriftblöcke und ein weißes, schräg gestelltes P mit schwarzen Buchstaben. Alle drei Formen spielen mit dem Wechsel von negativ-positiv und bedeuten „allen, allen Kindern“ gewidmet. Der Innentitel zeigt schwarze, feine Linien, Buchstaben und Zahlen und drei rote Schriftzeilen. Die zu einem Gesamtbild geformten Linien und Buchstaben sagen: El Lissitzky, Suprematische Geschichte von zwei Quadraten in sechs Konstruktionen.

 

Auf der nächsten Seite folgt in zarter Typografie die Aufforderung:“ Lest das nicht. Nehmt Zettelchen, Stäbchen, Klötzchen, faltet sie, bemalt sie, baut.“ Diese beiden Seiten bilden eine Art Tor zur eigentlichen Geschichte von zwei Quadraten. Es schließen sich sechs Blätter mit kleinen oder größeren Quadraten an, die sich im Raum – im Universum?- zu bewegen scheinen und von räumlich dargestellten Riegeln oder Klötzen abgelöst werden. Ordnung, Struktur, Auflösung sind Thema dieser Abstraktionen, die sich wie eine Szenenfolge lesen lassen. Vor allem aber wollen sie Veränderungen zeigen, also keineswegs nur geometrische Formen, sondern Bewegung im Raum.

 

Die Geschichte könnte so erzählt werden: Zwei Quadrate, ein schwarzes und ein rotes, machen sich auf den Weg aus einem fernen Raum und nähern sich der Erdkugel, auf der angedeutete Gebäudeteile zu sehen sind. Es gibt einen Crash, Konstruktionsteile bersten. Das rote Quadrat fällt auf ein kleines schwarzes, es bilden sich erkennbare, rote dreidimensionale Blöcke auf einem großen schwarzen Quadrat. Schließlich schwebt auf einer grauen, unregelmäßigen Kreis-/Streifenbahn ein großes, rotes Quadrat und oben rechts entschwindet ein kleines schwarzes Quadrat. Eine erstaunliche, verschlüsselte Geschichte, die auch von den knappen Textzeilen kaum Erläuterung erfährt. Der Betrachter ist aufgefordert, mit den geometrischen Figuren seine eigene Geschichte zu gestalten, sich also aktiv zu verhalten.

 

„In dieser Mär von zwei Quadraten habe ich mir die Aufgabe gestellt, eine elementare Idee mit elementaren Mitteln so zu gestalten, dass es für Kinder eine Anregung zu elementarem Spiel und für Erwachsene ein Schauspiel sein soll. Die Handlung läuft filmartig ab. Die Worte bewegen sich in den Kraftfeldern der handelnden Figuren: Quadraten. Die allgemeinen und speziellen plastischen Momente sollen hier typographisch gestaltet werden.“

 

Lissitzky, dem aus seiner Anfangszeit in Witebsk das Thema Kinderbuchillustration noch nahesteht, wechselt hier ebenso radikal Stil und Ausdrucksweise wie in seinen ersten PROUN-Bildern. Im Vergleich mit den Illustrationen zu dem zeitlich nahestehenden jiddischen Kinderbuch mit Text von Mani Leib „Yingl Tsingl kvat“,1919, (franz. Ausgabe: Filourdi le Dégourdi, Éditions du Sorbier, 2008) zeigt sich hier selten anschaulich der fundamentale Stilwechsel.

 

Das Bilderbuch von den zwei Quadraten bietet die einmalige Gelegenheit, das künstlerische Umfeld seines Schöpfers im Moment des Entstehens des Bilderbuchs zu erkennen, steht es doch am Anfang von Lissitzkys Weg zum Konstruktivismus. Der Einfluss der suprematischen Bilder von Malewitsch, besonders der Arbeit „Schwarzes und rotes Quadrat“ (1915) wurde überzeugend nachgewiesen, ebenso wie Lissitzkys Selbstzitate seiner „PROUN“-Bilder, bei denen geometrische Formen unterschiedlicher Größe in unterschiedlichen Richtungen und auf verschiedenen Ebenen im Raum zu schweben scheinen.

Kurzvita

El Lissitzky, geb. 1890 in Polschinok, Kreis Smolensk, gest. 1941 in Moskau, ist Architekt, Maler, Fotograf und Typograf und gilt als bedeutender Vertreter des russischen Konstruktivismus.

 

Lissitzky studiert von 1909 bis 1914 an der Technischen Hochschule in Darmstadt Ingenieurwissenschaften und Architektur bei Joseph Maria Olbrich. Fortsetzung des Studiums in Riga. 1919 holt ihn Marc Chagall als Professor für Architektur an die Kunsthochschule von Witebsk, wo er zunächst vor allem an Illustrationen für jiddische Kinderbücher arbeitet. Insgesamt sollen sieben Titel entstanden sein, die jedoch nicht alle erhalten sind. In Witebsk steht er in Kontakt zu Kasimir Malewitsch, der ebenfalls dort als Hochschullehrer arbeitet. Hier entstehen in Auseinandersetzung mit Malewitschs suprematischen Arbeiten Lissitzkys erste Bilder mit geometrischen, dreidimensionalen Formen. In diese Zeit fällt auch das Bilderbuch „Von zwei Quadraten“.

 

In den 20er Jahren hält sich Lissitzky häufig in Deutschland auf, pflegt Kontakte zum Bauhaus, zur holländischen De Stijl-Gruppe, zu den Dada-Künstlern und arbeitet auch als einflußreicher Typograf.
1927entwirft er das Kabinett der Abstrakten für das Landesmuseum Hannover. 1937 werden 24 Arbeiten Lissitzkys, die sich in deutschen Museen befinden, von den Nazis beschlagnahmt und das Kabinett der Abstrakten zerstört. Seit den 30er Jahren lebt und arbeitet Lissitzky wieder länger in Moskau.
2013 übergibt sein Sohn Jen den Nachlass seiner Eltern dem Sprengel-Museum in Hannover.

Literatur/Links

Inge Münz-Koenen, Der Kinderbuch-Architekt El Lissitzky. In: Petra Jostig/ Walter Fähnders (Hg.): Laboratorium Vielseitigkeit. Zur Literatur der Weimarer Republik.
Bielefeld: Aisthesis, 2005, S. 89-112

 

Peter Steineke, Wie Bilder dramatisch werden. Ursprünge und Entwicklungslinien des Bildtheaters, in: Eselsohr 6/2003, S. 26/27 (Lissitzky-Zitat)

 

El Lissitzky. Werke und Aufsätze, hrsg. von Jan Tschichold, Berlin, 1988

 

Sophie Lissitzky-Küppers, El Lissitzky, Dresden 1967

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