Kurt Mühlenhaupt (1921 – 2006)

Rüben, Fische, Eierkuchen

Ein Bilderbuch vom alten Berliner Wochenmarkt

München: Parabel, 1975

[16 ] Bl., Öl auf Papier

25,5 x 26,5 cm, Pb. Glanzkaschiert

Das Buch und seine Geschichte

Mühlenhaupt erzählt im Text und in Bildern mit Pinsel und Farbe kleine Geschichten vom Alltag. Beim Betrachten scheint das Auge den Pinselstrichen zu folgen, seinem schwungvollen Verlauf für verschiedene Körperkonturen oder den Bögen für die Bewegung von Armen und Beinen. Die reduzierte Form deutet nur an: Gesichter mit erstaunlichen Nasen, oft groben Mündern mit vielen weißen Punkten als Zähnen darin, klotzartige Gebäude mit handschriftlich eingesetzten Werbeschriften. Unweigerlich stellt man sich vor, wie der Maler vor seinen Bildern sitzt und erzählt, von alten Zeiten, vom Wochenmarkt, von armen Leuten und fliegenden Händlern und von der Mutter, die tapfer und ungerührt gegen den Mangel ankämpft, indem sie so tut, als gäbe es ihn gar nicht.

 

Mühlenhaupt erzählt von sich selbst wie immer, wenn er malt. Es ist ganz dezidiert sein Blick, seine Weltsicht. Es geht nicht um Detailtreue, es geht um Stimmungen, um Wahrnehmung und Verstehen. So sieht er die Landschaften oft grau, die Menschen dagegen bunt, vielfältig, unverwechselbar. Er liebe krumme Beine sagte er einmal, will sagen: Nicht das als schön Geltende, das als verabredete Norm Schöne interessiert ihn, vielmehr das individuelle, eigenständige, unterschiedliche. Seine Bilder für Kinder und Erwachsene unterscheiden sich kaum. Einzig vielleicht die Verwendung der Schrift in den Bilderbuchbildern fällt auf. Ganz so, als wollte er ursprünglich nur in Bildern erzählen und der Text ist aus editorischen Überlegungen – von ihm selbst oder dem Verlag ?– hinzugekommen.

 

Der naive Maler Kurt Mühlenhaupt gibt mit seinen Ölbildern seine Sicht auf die Welt wieder als einer, der sich in der Mitte des Berliner Milieus sieht, ohne expliziten Kunstanspruch aber mit kritischer Distanz. Aus heutiger Sicht sind seine Bilderbücher eindrucksvolle Bilddokumente.

Kurzvita

Kurt Mühlenhaupt, geboren 1921 bei Klein Ziescht auf dem Weg von Prag nach Berlin, gestorben 2006 in Bergsdorf bei Berlin. Er ist bekannt geworden als Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Berliner Original und „Milieumaler“.

 

Mühlenhaupt absolviert zunächst eine Lehre als Modellbauer, wird dann zur den Fallschirmjägern eingezogen und kommt in den 40er Jahren verletzt aus dem Krieg zurück. Nach nochmaligem Kriegseinsatz studiert er von 1946 bis 1949 an der Berliner Hochschule für Bildende Künste, muss sich jedoch über Jahre mit verschiedenen Jobs durchschlagen.1956 flieht er aus der DDR nach West-Berlin, betreibt dort einen Trödelladen, wo er auch eigene Bilder verkauft, und ab 1960 den „Leierkasten“, eine Bohème-Kneipe in Kreuzberg. Im gleichen Jahr nimmt er an der Großen Berliner Kunstausstellung teil. Ab 1970 kann er von seiner Malerei leben.1974 wird er Mitglied der 1972 in Berlin- Kreuzberg gegründeten Gruppe der „Berliner Malerpoeten“, der Günther Grass, Wolfdietrich Schnurre u.a. angehören. Mühlenhaupts starkfarbige Bilder von Alltagsszenen und dörflichem Leben, seine Porträts und Landschaften stehen einerseits der naiven Malerei nahe, erinnern jedoch zugleich an die Bilder des Expressionismus.

 

Seit 1990 hat Kurt Mühlenhaupt zusammen mit seiner Frau Hannelore nördlich von Berlin in Bergsdorf einen alten Genossenschaftshof in sein eigenes Museum umgestaltet, wo sein Atelier und viele seiner Arbeiten zu sehen sind und zahlreiche Veranstaltungen stattfinden.

Literatur/Links
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