Kurt Mühlenhaupt (1921 – 2006)

Sabine und ihre Puppe

München: Parabel, 1971

[16] Bl., Öl auf Papier

26 x 27 cm, Pb., glanzkaschiert

Das Buch und seine Geschichte

Dieses erste Bilderbuch von Kurt Mühlenhaupt spiegelt die Zeit seiner Entstehungsgeschichte zu Anfang der 70er Jahre. Der Maler lebt im Kreuzberger Künstler- und Schriftstellermilieu. Die Ideen der Studentenproteste und der antiautoritären Erziehung finden in Literatur und Kunst ihren Niederschlag. So ist „Sabine und ihre Puppe“ ein Anti-Text mit Anti-Bildern.

 

Sowohl die in naiver Manier gemalten Ölbilder des Malers als auch sein Text spiegeln das neue Verständnis vom selbstständigen Kind. Sabine verfällt nicht dem Konsumrausch der Nach-Wirtschaftswunderzeit, sondern liebt ihre vom Maler geschnitzte und bemalte Puppe. Sie ist die echte Freundin des Kindes, das schließlich seine Mutter im Kaufhaus wiederfindet, in dem Mütter verkauft werden. Dieser umgedrehten Perspektive entsprechen die expressiv flüchtig gemalten Bilder, der plumpe Körper der Puppe ähnelt ganz offensichtlich dem des kleinen Mädchens. Alle Figuren sind in groben Umrissformen wiedergegeben, auch die spottenden Kinder mit ihren großen, verzerrten Mündern in den von Deckweiß betonten Gesichtern. Manche Bilder wie z.B. das mit der Bildunterschrift „Spaziergänger in der Hasenheide“ unterscheiden sich nicht von Mühlenhaupts freien Arbeiten. Auch sie schildern die Alltagswelt im Park, auf der Straße, auf dem Platz oder zeigen Porträts der Menschen seiner Umgebung.

 

Das Schlussbild bildet ein wunderbares Porträt von Sabine mit ihrer Puppe zwischen der Mutter und dem Maler auf einem altmodischen Sofa mit hoch geschwungener Rückenlehne. Es würde sich auch auf einer Galeriewand eindrucksvoll ausnehmen.

Kurzvita

Kurt Mühlenhaupt, geboren 1921 bei Klein Ziescht auf dem Weg von Prag nach Berlin, gestorben 2006 in Bergsdorf bei Berlin. Er ist bekannt geworden als Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Berliner Original und „Milieumaler“.

 

Mühlenhaupt absolviert zunächst eine Lehre als Modellbauer, wird dann zur den Fallschirmjägern eingezogen und kommt in den 40er Jahren verletzt aus dem Krieg zurück. Nach nochmaligem Kriegseinsatz studiert er von 1946 bis 1949 an der Berliner Hochschule für Bildende Künste, muss sich jedoch über Jahre mit verschiedenen Jobs durchschlagen.1956 flieht er aus der DDR nach West-Berlin, betreibt dort einen Trödelladen, wo er auch eigene Bilder verkauft, und ab 1960 den „Leierkasten“, eine Bohème-Kneipe in Kreuzberg. Im gleichen Jahr nimmt er an der Großen Berliner Kunstausstellung teil. Ab 1970 kann er von seiner Malerei leben.1974 wird er Mitglied der 1972 in Berlin- Kreuzberg gegründeten Gruppe der „Berliner Malerpoeten“, der Günther Grass, Wolfdietrich Schnurre u.a. angehören. Mühlenhaupts starkfarbige Bilder von Alltagsszenen und dörflichem Leben, seine Porträts und Landschaften stehen einerseits der naiven Malerei nahe, erinnern jedoch zugleich an die Bilder des Expressionismus.

 

Seit 1990 hat Kurt Mühlenhaupt zusammen mit seiner Frau Hannelore nördlich von Berlin in Bergsdorf einen alten Genossenschaftshof in sein eigenes Museum umgestaltet, wo sein Atelier und viele seiner Arbeiten zu sehen sind und zahlreiche Veranstaltungen stattfinden.

Literatur/Links
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