William Steig (1907 - 2003)

Silvester und der Zauberstein

Aus dem Amerikanischen von Nicola T. Stuart
Hildesheim: Gerstenberg, 2005
[16] Bl., kol. Federzeichnung
28 x 21,5 cm, Pb., farbig

 

OA: Sylvester and the Magic Pebble

New York: Windmill Books / Simon and Schuster, 1969

Das Buch und seine Geschichte

Steig erzählt in seinem dritten Bilderbuch ein heiteres Märchen über das Wünschen. Eigentlich ist es jedoch eine Geschichte von Geborgenheit und Elternliebe. Aus Angst vor dem plötzlich auftauchenden, hungrigen Löwen verwandelt sich der kleine Esel Silvester mit Hilfe eines Zaubersteins aus Versehen in einen Findling. Dieser magische Stein kann jedoch nur zaubern, wenn man ihn in der Hand hält. Natürlich suchen die Eltern ihr Kind überall. Steig zeichnet mit wenigen, kräftigen Federstrichen verschiedene Tiere und die Landschaft, mal des Nachts, dann im Herbst, im Schnee und im Frühling und koloriert mit lichten Wasserfarben. Es sind dieselben Bäume, Wiesen und Hügel und wir spüren, wie die Zeit vergeht.

 

Als die Eltern sich trotz allen Kummers ein Picknick gönnen, stellen sie ihr Geschirr genau auf dem verzauberten Findling ab, finden den danebenliegenden magischen Stein, denken an ihren Sohn und wünschen ihn herbei. Das Schlussbild zeigt Eltern und Sohn in enger Umarmung auf einem herrlich roten Plüschsofa. Wie in vielen seiner folgenden Bilderbücher erzählt Steig von Gefühlen, von der Liebe der Eltern, der wärmenden Gemeinschaft der Freunde, von Traum und Wirklichkeit. Seine Zeichnungen leben von einer scharfen Beobachtungsgabe, die er als Cartoonzeichner über viele Jahre ausgebildet hat, ohne die teils bissigen, karikierenden Details.

 

Gleichzeitig scheinen eigene psychologische Erfahrungen auf, die er vor allem in den 40er Jahren durch seine Psychoanalyse bei Wilhelm Reich gesammelt hat. Steig wählt häufig Tierfiguren als Protagonisten, deren Verhalten er überdeutlich dem der Menschen anpasst. So nutzt er das Prinzip der Fabel ohne lehrhaften Impuls. Vielmehr wählt er bestimmte Formen und Farben zur humoristischen Übersteigerung, vielleicht auch einfach nur zur eigenen Freude und der der Kinder. Obwohl Steig betonte, er zeichne für das Kind in sich, widmet er seine Bücher stets bestimmten Kindern. Im Falle dieses Buches sind es die bereits erwachsenen Kinder Lucy und Jeremy aus erster Ehe und die damals etwa zehnjährige Maggie aus zweiter Ehe.

Kurzvita

William Steig, geboren 1907 in Brooklyn, New York, gestorben 2003 in Boston, vom Newsweek Magazine 1995 zum König des Cartoons gekürt, wird seit dem Ende der 60er Jahre auch mit vielfach ausgezeichneten Bilder- und Kinderbüchern bekannt.

 

Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen als Sohn polnischer Immigranten in der Bronx, lernt er von 1925 bis 1929 Zeichnen an der National Academy of Graphic and Design in New York. Bereits 1930 kann er einen ersten Cartoon beim New Yorker unterbringen. Bis zu seinem Tod hat er mehr als 1600 Cartoons und etwa 120 Titelblätter für das bis heute angesehene, intellektuelle Stadtmagazin gezeichnet. John Updike sagte über ihn, dass seine Cartoons nicht nur einen Scherz visualisieren, sondern uns dazu bringen, über die Natur der Realität, die uns umgibt, nachzudenken.
Steig entwickelt in den 30er Jahren seinen Stil der vielschichtigen Zeichnung, die humorvoll, gelegentlich auch ironisch-bissig, Seelenzustände und Emotionen veranschaulicht und für viele nachfolgende Zeichner zum Vorbild wurde.
Seit Ende der 1930er Jahre veröffentlicht er eine Reihe von Cartoonbänden, ehe er sich mit bereits 60 Jahren eher zufällig dem Bilderbuch zuwendet und seither über 30 Titel herausbringt. Weltweit wird er bekannt durch den animierten 3D-Film und in der Folge einer Serie von Computerspielen nach seinem Bilderbuch Shrek!, 1990.

 

Steig sagt von sich, er habe stets eine enge Bindung zu dem Kind in sich gehabt, und auch viele seiner frühen Cartoons beziehen Kinder mit ein. Seine besondere Bewunderung gilt Pablo Picasso, den er einmal wie folgt zitiert: “All children are artists. The problem is how to remain an artist once we grow up.“ Dass Steig seine Bilderbücher als Teil seiner Kunst versteht, macht folgendes Zitat aus seiner Rede anlässlich der Auszeichnung mit der Caldecott Medal für “Sylvester and the Magic Pebble“,1969, deutlich: Art has the power to make any spot on earth the living center of the universe.” 

Literatur/Links

Und dann fange ich an, Unfug zu treiben.

William Steig zum 90.

Hildesheim: Gerstenberg, 1997

 


Claudia J. Nahson: The Art of William Steig,

Jewish Museum, New York, 2007

New Haven and London: Yale University Press, 2007

 


Lee Lorenz, The World of William Steig,

Introduction by John Updike

New York: Artisan, 1998

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