David Hockney (geb. 1937)

Six Fairy Tales from the Brothers Grimm

Translation by Heiner Bastian

London: Petersburg Press, 1970, in Zusammenarbeit mit Kasimir Gallery

[70] S., 39 sw.-Radierungen

10,7 x 7,6 cm, Kunstld., Fadenheftung

 

NA in größerem Format und mit geändertem Layout:

London: Royal Academy of Arts, 2012

70 S., 39 sw.-Radierungen

21,4 x 15,2 cm, Ln

 

Das Buch und seine Geschichte

Dieses kleine Büchlein aus dem Jahre 1970 nimmt in unserer Sammlung eine Sonderrolle ein, da es nicht mit Blick auf eine junge Leserschaft entstanden ist. Es hat jedoch mit seiner ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte den Weg in Kinderhände gefunden, da es in großer Auflage verbreitet wurde.

 

Der junge Maler David Hockney hat sich, auch weil er sich die nötigen Maluntensilien nicht immer leisten konnte, bereits Anfang der 60er Jahre der Druckgrafik zugewendet und verschiedene Illustrationszyklen geschaffen.1969 widmet er sich mehrere Monate den Märchen der Brüder Grimm. Es entsteht ein Grafik-Zyklus zu sechs Märchen mit insgesamt 39 Radierungen. Zu der Mappe in limitierter Auflage und einem Buch mit jeweils sechs Originalgrafiken in unterschiedlichen Auflagen gibt sein Verleger ein kleines Bändchen als eine Art Werbemittel heraus.

 

Hockney gefällt die Vorstellung, dass das kleine Buch im Hosentaschenformat sowohl Märchenliebhaber als auch Kinder erfreuen könne. Er glaubt, dass Kinder das Büchlein wegen des kleinen Formats schätzen, da normale Bücher für Kinder zu groß seien. (nach Burkhard Kling)

 

Der Zyklus enthält die folgenden Märchen: Das Meerhäschen, Fundevogel, Rapunzel, Märchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen, Oll Rinkrank und Rumpelstilzchen. Hockney wählt also bekannte und weniger bekannte Märchen aus und gestaltet in freier, assoziativer Weise ebenso eindringliche wie neuartige Bilder.

 

Die sehr flächig angelegten Radierungen verdeutlichen bestimmte konstituierende Aspekte der Märchen, wie zum Beispiel Rapunzels unvorstellbar lange Haare. Mehrfach werden solche Details in Verbindung mit bekannten Motiven der Kunstgeschichte dargestellt. Da gibt es Rapunzel als adelige Renaissance-Dame im Profil, deren Haarpracht sich zu einer enormen Schleppe bauscht, oder ihre aus dem Turm flatternden Haare finden sich neben der Rückansicht eines Reiters, der an Reiterbilder des Malers Paolo Uccello erinnert.

 

Zur besonderen Freude des Betrachters findet Hockney für die Darstellung der Zauberin mit der
neugeborenen Rapunzel die Form eines traditionellen Marienbildes mit dem Jesusknaben auf dem Knien und einem ausladenden Gewand. Nur der Kopf der Madonna will so gar nicht passen. Mit diesem und anderen Brüchen und historischen Bezügen in seinen Bildern erreicht Hockney eine die individuelle Wahrnehmung herausfordernde Anmutung, die die Vielschichtigkeit der Grimmschen Märchen hervorhebt und einen neuen Ton der Bildfindung dieses Genres schafft.

Kurzvita

David Hockney, geboren 1937 in Bradford, Großbritannien, gilt als einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart. Er lebt nach Jahren in Kalifornien wieder in England.

 

Hockney studierte an der Bradford School of Art und am Royal College of Art in London Malerei, widmet sich aber auch der Druckgrafik. 1968 ist er bereits auf der Documenta und der Biennale in Venedig vertreten. Seither arbeitet er als international anerkannter Maler. In den letzten Jahren machte er mit sogen. Polaroidbildern, großformatigen Landschaftsbildern, Fotos und Touchscreenpaitings auf sich aufmerksam, zuletzt in der großen Ausstellung in der Londoner Tate Britain, 2017. Dem deutschen Publikum präsentierte das Kölner Museum Ludwig 2013 eine umfangreiche Ausstellung.

Literatur/Links

Official homepage (with extensive bibliography): https://www.hockney.com/home

 

The Hockney Foundation (with extensive bibliography, online collections, and educational ressources): https://thedavidhockneyfoundation.org/

 

Burkhard Kling (Hrsg.): David Hockney, Sechs Märchen der Brüder Grimm
Marburg: Jonas Verlag, 2008, (exhibition catalogue, Brüder Grimm-Haus, Steinau)

 

Maria Popova, David Hockney Illustrates the Fairy Tales of the Brothers Grimm. The beauty of ugly and the whimsy of negative space. - https://www.brainpickings.org/2014/02/06/david-hockney-brothers-grimm/

 

 

 

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