Maurice Sendak (1928 - 2012)

We Are All in the Dumps with Jack and Guy

Two Nursery Rhymes with Pictures by Maurice Sendak
New York: Harper & Collins, 1993
[28] Bl., Bleistift, Kohlestift, Wasserfarben
21 x 28 cm, Ln., farb. Schutzumschlag

Das Buch und seine Geschichte

Nach einer längeren Pause, in der Sendak sich vor allem mit verschiedenen Bühnenausstattungen beschäftigt hat, greift er zurück auf alte Kinderreime aus einer Mother Goose-Ausgabe, die er schon in der 1960er Jahren durchgearbeitet hatte (Kushner, S.33). Damals schreibt und illustriert er kleine Versgeschichten und Kinderreime, z.B. für seine im englischsprachigen Raum weitverbreitete, kleinformatige “Nutshell Library“ oder später für sein Bilderbuch “In der Nachtküche“.

 

Für die beiden Verse “We are all in the dumps“ und “Jack and Guy“ skizziert er bereits ein Dummy, das sie zusammenfügt. Doch lässt er das Projekt liegen, bis er sich 1991 wieder daran erinnert. Auslöser sind Straßenkinder in Los Angeles, die in Pappkartonverschlägen hausen. Plötzlich empfindet er die alten Nonsense-Verse ebenso gegenwärtig wie politisch (Kushner, S.34).

 

Für dieses Buch wählt Sendak ein deutlich wahrnehmbares Querformat, in dem er seine Bilderzählung fortlaufend und ohne Seitenränder vorantreiben kann. Protagonisten sind Jack und Guy, zwei Jungen in zerfetzter Kleidung, einer mit einem roten Hut, der andere mit ockerfarbener Kappe. Sie leben mit anderen Kindern auf der Straße. Als zwei riesige Ratten ein Baby zusammen mit einigen Kätzchen rauben, versuchen die Jungen einzugreifen. Ein riesiger Mond hilft. Auch in der zweiten Geschichte spielt der Mond eine wichtige Rolle als versöhnlicher Helfer und schließlich als freundlicher Wächter über die schlafenden Kinder.

 

Das Buch kommt auf der Umschlagvorderseite gänzlich ohne Titelei aus. Die übergroße Mundhöhle des Mondes beherrscht das Bild und bietet den verlassenen Straßenkindern Heimstatt und Geborgenheit. Erst die Rückseite gibt Auskunft über den Titel des Buches. Mit dieser ungewöhnlichen Aufteilung macht der Künstler unmittelbar klar, dass es hier keineswegs um freundliche Kinderverse, sondern um existentielle Fragen zeitgenössischer Kindheit geht. 

Kurzvita

Maurice Sendak, geboren 1928 in Brooklyn, New York, gestorben 2012 in Richfield, Connecticut, gilt als einer der bedeutendsten und international angesehensten Bilderbuchkünstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Weniger bekannt sind hierzulande seine zahlreichen Bühnenausstattungen für Oper und Ballett, die seit 1979 entstehen, darunter für Mozarts “Zauberflöte“, 1981, Tschaikowskys „Nussknacker“-Ballett 1983, oder Humperdincks Hänsel und Gretel, 1997. Außerdem schreibt er Libretti für Opern nach eigenen Büchern und entwirft die Bühnenausstattungen.

 

Maurice Sendak zeichnet seit seiner Kindheit. Seine frühen Comics werden in einer Schülerzeitung gedruckt und wenig später beginnt er zusammen mit seinem älteren Bruder, mechanisches Spielzeug herzustellen, das bekannte Märchenmotive in kleine Szenen umsetzt. Diese Arbeiten bringen ihm eine Anstellung beim New Yorker Spielwarenhaus F.O.Schwarz als Dekorateur ein. In dieser Zeit besucht er abends Kurse der Art Students League und lernt in der Kinderbuchabteilung von F.O.Schwarz die klassische europäische Märchen- und Bilderbuchillustration kennen. Ursula Nordstrom, innovative Verlegerin beim Verlag Harper & Row, erkennt früh Sendaks Begabung und fördert seine Entwicklung ab den 50er Jahren durch jährlich mehrere Illustrationsaufträge. 

 

Sendaks erstes „eigenes“ Bilderbuch erscheint 1963. „Wo die wilden Kerle wohnen“ ist seither in weltweit mehr als 20 Millionen Exemplaren erschienen. Maurice Sendaks Bibliografie umfasst nahezu 100 Titel. Besondere Bedeutung erlangen jedoch diejenigen Bücher, die er als genuines Werk geschrieben und illustriert hat. Das Bilderbuch wird für ihn eine eigenständige Kunstform, als das Medium, mit dem er seine künstlerischen Vorstellungen umsetzen kann. In seiner später von ihm selbst so bezeichneten Bilderbuch-Trilogie - “Wo die wilden Kerle wohnen“, “In der Nachtküche“, “Als Papa fort war“- verarbeitet er persönliche Kindheitserfahrungen auf sehr unterschiedliche künstlerische Weise. Alle drei Titel beschwören jedoch magische Orte und vielfältige Wege, dorthin zu gelangen, um schließlich doch wieder an einen sicheren Platz zurückzukommen.

 

(Das Bilderbuch) „ist mein Schlachtfeld. Der Ort, an dem ich mich ausdrücken kann(...). Dort bringe ich jene Phantasien zu Papier, die mich ein Leben lang begleitet haben.(...) Ich lebe im Bilderbuch; dort schlage ich alle meine Schlachten, und dort hoffe ich, meine Kriege zu gewinnen.“( Caldecott & Co., S.170)

 

Sendaks „eigene“ Bilderbücher stoßen häufig zunächst auf Unverständnis, werden sie doch als zu komplex, zu wenig „kindgemäß“ oder zu bedrohlich angesehen und besonders von Pädagogen gelegentlich strikt abgelehnt. Von Künstlerkollegen werden sie jedoch weltweit mit Begeisterung aufgenommen und von vielen Illustratoren als großartige Vorbilder gepriesen. Die wichtigsten Auszeichnungen sind: Caldecott Medal für  “Where the Wild Things Are“,1964, Hans Christian Andersen Medaille, 1970, Astrid Lindgren Memorial Award, 2003, jeweils für das Gesamtwerk. 2013 ehrt ihn die Society of Illustrators in New York mit einer großen, posthumen Retrospektive, verbunden mit einem Katalog.

 

Sendaks Nachlass befindet sich zu großen Teilen als Leihgabe in Philadelphia in der Sammlung Rosenbach Museum & Library. Seit Ende 2014 versucht die Sendak Foundation die Sammlung zurück nach Richfield, Conn. zu holen, um dort nach dem Willen des Künstlers in seinem Wohnhaus und einem Neubau ein eigenes Museum einzurichten. (New York Times,1. Dez. 2014.) Ab 2018/ 2019 befinden sich die Originale seiner veröffentlichten Bücher in der University of Connecticut.

Literatur/Links

 

www.sendakfoundation.org

 

Selma G. Lanes, The Art of Maurice Sendak, New York: Abrams, 1980

 

Tony Kushner, The Art of Maurice Sendak. 1980 to the Present, New York: Abrams, 2003

 

Leonhard S. Marcus (Hrsg.), Maurice Sendak. A Celebration of the Artist and his Work, New York: Abrams, 2013

 

Aufsätze, Reden und Interviews von und mit Maurice Sendak finden sich in: Maurice Sendak. Caldecott & Co., Frankfurt: S. Fischer, 1999, und Hamburg: Aladin, 2013, OA : New York, 1988

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