Warja Lavater (1913 - 2007)

Wilhelm Tell

gezeichnet von Warja Honegger-Lavater

Basel, Hamburg, Wien: Basilius Presse ,

Folded Story 1

2. Auflage 1966

10 Faltungen als Leporello, Originallithografie

12,3 x 9,2 cm, Pappdeckel

 

OA: New York: Museum of Modern Art, 1962

Das Buch und seine Geschichte

Dieses kleinformatige Leporello ist aus vier Papierstreifen zusammen montiert und blättert sich, flach auf dem Tisch liegend, zu zehn Doppelseiten auf. Die Doppelseiten sind jeweils als einzelne, flächenfüllende Bildtafeln komponiert. Nur zweimal laufen die Bildmotive über den Knick. Beim Blättern entsteht so der Eindruck einer Bilderserie mit einer Abfolge farbiger, geometrischer Formen.

 

Nachdem man auf der ersten Seite die Personen der Geschichte und die zugehörigen Symbole kennen gelernt hat, kann man sich ans Entschlüsseln machen. Der Hut des Landvogts Gessler ist als großes, rotes Dreieck wiedergegeben, die Bürger als kleinere braune Kreise, Tell als größerer blauer, sein Sohn als winzig kleiner Kreis. Diese Proportionen können jedoch im Fortgang wechseln, verwendet die Künstlerin doch auch das Mittel des Zooms, das den Apfel plötzlich übergroß in seiner für das Leben des Jungen bedrohlichen Bedeutung erscheinen lässt.

 

Viele solcher Details der bildnerischen Gestaltung sind zu entdecken, so dass beim Anschauen der Bilder ihre erzählerische Qualität unmittelbar zu Tage tritt. Es sind ungegenständliche Erzählbilder entstanden, ein scheinbarer, doch überzeugender Gegensatz.

Kurzvita

Warja (Honegger) Lavater, geboren 1913 in Winterthur, gestorben 2007 in Zürich, ist die Tochter der Schriftstellerin Mary Lavater-Sloman. Ihre Ausbildung absolviert sie von 1931 bis 1935 an der Kunstgewerbeschule in Zürich, an der am Bauhaus geschulte Lehrer unterrichten. Nach Studienaufenthalten in Stockholm, Basel und Paris gründet sie zusammen mit Gottfried Honegger, ihrem späteren Mann, ein Grafik-Atelier in Zürich. Von 1944 bis 1958 betreut sie die grafische Gestaltung einer Jugend-Zeitschrift. Besondere bildnerische Anregungen bezog sie von der zeitgenössischen, amerikanischen Werbegrafik während verschiedener Aufenthalte in New York von 1958 bis 1960. Mit ihrem ersten Leporello (Folded Story 1) “Wilhelm Tell“, das vom Museum of Modern Art in New York 1962 herausgegeben wird, findet sie zu ihren eigenwilligen Faltbüchern. Diese Leporellos erscheinen später schon vor der endgültigen Trennung von Gottfried Honegger 1972 unter dem Mädchennamen der Künstlerin und unter dem von ihr eingeführten Begriff „Imagerie“, schwer zu übersetzen mit Bildsymbolik.

Die Künstlerin erzählt mit Chiffren oder Symbolen, mit abstrakten Formen und einem wohl durchdachten Farbkonzept gänzlich ohne Worte eigene Geschichten oder bekannte Märchen. Dabei bleibt sie stets der Bildwirkung, der Ästhetik der begrenzten und dennoch fortlaufenden Bildfläche verbunden. Damit stellt sie besondere Erwartungen an die Vorstellungskraft ihrer kleinen und großen Leser, die die Symbole und verschlüsselten Handlungsstränge erkennen und deuten müssen. Besondere Aufmerksamkeit erzielt sie auch dadurch, dass ihre Bilderfolgen/ Bildfriese als Originallithografien gedruckt werden. Sie rücken damit in die Nähe des Künstlerbuchs und setzen sich deutlich von dem in größeren Auflagen auf glattem „Industriepapier“ gedruckten Bilderbuch ab. Vielen gilt die Künstlerin als Pionierin des Genres Künstlerbuch / Livre d’Artiste / Artist’s Book der Zeit nach dem II. Weltkrieg. Besondere Unterstützung erfährt sie dabei unter anderem von der Pariser Galerie Adrien Maeght, die die kleinen Buchobjekte in ihrer Kunstanstalt „Ateliers Arte“, Paris, drucken lässt und sie international vor allem in Galerien und weniger im Buchhandel vertreibt.

 

2003 widmet das Museum für konstrutive Kunst "Haus Konstruktiv" in Zürich der Künstlerin zum 90. Geburtstag eine retrospektive Ausstellung. Der künstlerische Nachlass liegt in der Graphischen Sammlung der Zentralbibliothek Zürich.

Literatur/Links

Warja Lavaters Kunst der chiffrierten Erzählung: Ein blauer Punkt für…

 

Zeitlose Punkte voll erzählerischer Kraft: Ihre Bücher sind...

 

 
 
 
Christophe Meunier, "Les imageries de Warja Lavater : une mise en espace des contes...", in: Les territoires de l'album. L'espace dans les livres pour enfants. Januar 2013, https://lta.hypotheses.org/396- (20/02/20)
 
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