Maurice Sendak (1928 - 2012)

Wo die wilden Kerle wohnen

A. d. Amerikan. von Claudia Schmölders
Zürich: Diogenes, 1967
[20] Bl., Federzeichnung, Wasserfarben
23 x 24,5 cm, kart.

 

OA: Where the Wild Things Are
New York: Harper & Row, 1963

Das Buch und seine Geschichte

Eines der ersten Bilderbücher, das Sendak geschrieben und gezeichnet hat, ist zugleich sein bekanntestes. Obwohl es anfangs auf vielfältigen Widerstand seitens besorgter Pädagogen als zu beängstigend und bedrohlich stößt, setzt es sich später weltweit durch und erfährt verschiedene mediale Umsetzungen, z.B. als Oper und Film. Sendak gelingt mit diesem Buch eine bisher nicht gekannte Verbindung von Realität und Fantasie, von Text und Bild, von Furor und fröhlichem Übermut. Die kleine Erzählung vom „wilden“ Max, den seine Mutter ohne Abendessen ins Bett schickt, entwickelt sich zu einer großartigen Traumgeschichte und Abenteuerreise und zugleich zu einer Parabel von Selbstbehauptung und Allmachtsfantasie, um schließlich ins eigene Zimmer zurückzuführen, wo „das Essen auf ihn wartete – und es war noch warm.“ Max hat keine Angst vor den wilden Kerlen, er wird ihr König und ist der wildeste Kerl von allen. Sendak zeichnet seine “Kerle“ ( im Original: Things) als eine Art Tiermenschen, als Fantasietiere mit menschlichen Füßen, Nasen und langen Haaren, teils mit scharfen Krallen, Hörnern und Quastenschwänzen. Optische Dynamik erhält das Buch zusätzlich durch zunehmend größer werdende Bildseiten. Die gezeichnete Geschichte scheint die Buchseiten förmlich zu überfluten bis zu einer Folge von drei wunderbaren, doppelseitigen Tableaus. Von da an kehrt der Künstler zum sich wieder verkleinernden Bildformat zurück.

 

Sendak zeichnet Selma Lanes (1980) zufolge bereits 1955 ein schmales, querformatiges Dummy mit dem Titel „Where the Wild Horses Are“. Unzufrieden sowohl mit dem Plot als auch seinen Zeichnungen, legt er es zur Seite bis er acht Jahre später, angeregt durch einen kleinen Jungen im Leopardenpyjama, ein neues Typoskript fertigstellt und mit ersten Bleistiftzeichnungen beginnt. In relativ kurzer Folge realisiert er schließlich dieses Projekt, das er in seiner Dankesrede für die Auszeichnung mit der Caldecott Medal als sein (damals) liebstes bezeichnet. Nach langen Jahren gezeichneter Studien von Kindern, angefangen bei den realen Szenen vor seinem Brooklyner Fenster bis zu den erfundenen seiner Illustrationen für andere Autoren gelingt ihm mit diesem Buch, seinem tiefen Verständnis für Kinder, für ihren manchmal schwierigen Weg durch die Kindheit, die keineswegs zuckersüß sei, einen adäquaten Ausdruck zu verleihen. „(...) und all zu oft übersehen ist die Tatsache, dass Kinder schon in frühesten Jahren auf vertrautem Fuß mit störenden Emotionen leben, dass Furcht und Sorgen feste Bestandteile ihres Alltagslebens sind, dass sie beständig und so gut sie können gegen Frustrationen ankämpfen. Ihre Phantasie ist es, die Kinder zur Katharsis befähigt. Sie ist das beste Mittel, das sie haben, um die wilden Kerle zu zähmen.“ (Caldecott & Co, S.135)

Kurzvita

Maurice Sendak, geboren 1928 in Brooklyn, New York, gestorben 2012 in Richfield, Connecticut, gilt als einer der bedeutendsten und international angesehensten Bilderbuchkünstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Weniger bekannt sind hierzulande seine zahlreichen Bühnenausstattungen für Oper und Ballett, die seit 1979 entstehen, darunter für Mozarts “Zauberflöte“, 1981, Tschaikowskys „Nussknacker“-Ballett 1983, oder Humperdincks Hänsel und Gretel, 1997. Außerdem schreibt er Libretti für Opern nach eigenen Büchern und entwirft die Bühnenausstattungen.

 

Maurice Sendak zeichnet seit seiner Kindheit. Seine frühen Comics werden in einer Schülerzeitung gedruckt und wenig später beginnt er zusammen mit seinem älteren Bruder, mechanisches Spielzeug herzustellen, das bekannte Märchenmotive in kleine Szenen umsetzt. Diese Arbeiten bringen ihm eine Anstellung beim New Yorker Spielwarenhaus F.O.Schwarz als Dekorateur ein. In dieser Zeit besucht er abends Kurse der Art Students League und lernt in der Kinderbuchabteilung von F.O.Schwarz die klassische europäische Märchen- und Bilderbuchillustration kennen. Ursula Nordstrom, innovative Verlegerin beim Verlag Harper & Row, erkennt früh Sendaks Begabung und fördert seine Entwicklung ab den 50er Jahren durch jährlich mehrere Illustrationsaufträge. 

 

Sendaks erstes „eigenes“ Bilderbuch erscheint 1963. „Wo die wilden Kerle wohnen“ ist seither in weltweit mehr als 20 Millionen Exemplaren erschienen. Maurice Sendaks Bibliografie umfasst nahezu 100 Titel. Besondere Bedeutung erlangen jedoch diejenigen Bücher, die er als genuines Werk geschrieben und illustriert hat. Das Bilderbuch wird für ihn eine eigenständige Kunstform, als das Medium, mit dem er seine künstlerischen Vorstellungen umsetzen kann. In seiner später von ihm selbst so bezeichneten Bilderbuch-Trilogie - “Wo die wilden Kerle wohnen“, “In der Nachtküche“, “Als Papa fort war“- verarbeitet er persönliche Kindheitserfahrungen auf sehr unterschiedliche künstlerische Weise. Alle drei Titel beschwören jedoch magische Orte und vielfältige Wege, dorthin zu gelangen, um schließlich doch wieder an einen sicheren Platz zurückzukommen.

 

(Das Bilderbuch) „ist mein Schlachtfeld. Der Ort, an dem ich mich ausdrücken kann(...). Dort bringe ich jene Phantasien zu Papier, die mich ein Leben lang begleitet haben.(...) Ich lebe im Bilderbuch; dort schlage ich alle meine Schlachten, und dort hoffe ich, meine Kriege zu gewinnen.“( Caldecott & Co., S.170)

 

Sendaks „eigene“ Bilderbücher stoßen häufig zunächst auf Unverständnis, werden sie doch als zu komplex, zu wenig „kindgemäß“ oder zu bedrohlich angesehen und besonders von Pädagogen gelegentlich strikt abgelehnt. Von Künstlerkollegen werden sie jedoch weltweit mit Begeisterung aufgenommen und von vielen Illustratoren als großartige Vorbilder gepriesen. Die wichtigsten Auszeichnungen sind: Caldecott Medal für  “Where the Wild Things Are“,1964, Hans Christian Andersen Medaille, 1970, Astrid Lindgren Memorial Award, 2003, jeweils für das Gesamtwerk. 2013 ehrt ihn die Society of Illustrators in New York mit einer großen, posthumen Retrospektive, verbunden mit einem Katalog.

 

Sendaks Nachlass befindet sich zu großen Teilen als Leihgabe in Philadelphia in der Sammlung Rosenbach Museum & Library. Seit Ende 2014 versucht die Sendak Foundation die Sammlung zurück nach Richfield, Conn. zu holen, um dort nach dem Willen des Künstlers in seinem Wohnhaus und einem Neubau ein eigenes Museum einzurichten. (New York Times,1. Dez. 2014.) Ab 2018/ 2019 befinden sich die Originale seiner veröffentlichten Bücher in der University of Connecticut.

Literatur/Links

www.sendakfoundation.org

 

Selma G. Lanes, The Art of Maurice Sendak, New York: Abrams, 1980

 

 Tony Kushner, The Art of Maurice Sendak. 1980 to the Present, New York: Abrams, 2003

 

Leonhard S. Marcus (Hrsg.), Maurice Sendak. A Celebration of the Artist and his Work, New York: Abrams, 2013

 

Aufsätze, Reden und Interviews von und mit Maurice Sendak finden sich in: Maurice Sendak. Caldecott & Co., Frankfurt: S. Fischer, 1999, und Hamburg: Aladin, 2013, OA : New York, 1988

 

Der Nachlaß befindet sich in der University of Connecticut: The Maurice Sendak Collection

 

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