Tomi Ungerer (1931- 2019)

Zeraldas Riese

Aus dem Amerikanischen von Anna von Cramer-Klett

Zürich: Diogenes, 1970, 1974

[16 ] Bl., Feder, Wasserfarbe

30,5 x 23 cm, farb.Pd.

 

OA: Zeralda’s Ogre

New York: Harper & Brothers,1967

„Meine Bücher sind subversiv, aber dennoch positiv.“
Das Buch und seine Geschichte

„Zeraldas Riese“ beginnt wie auch „Die drei Räuber“ als klassisches Märchen mit „Es war einmal“. Aber Tomi Ungerer lässt auch hier keinen Zweifel an der Besonderheit dieser Geschichte. Der gewaltige Oberkörper des Riesen füllt gleich die erste Seite und das scharfe Messer in seiner Linken ist unverkennbar blutig. Der Riese ist ein Kinderfresser! Doch die Dorfbewohner verstecken ihre Kinder und so sieht man den Riesen schon bald missvergnügt Kohl und Kartoffeln essen. Als die kleine Zeralda, die allein mit ihrem Vater hinterm großen Wald lebt, eines Tages allein zum Markt fährt, um Waren zu verkaufen, trifft sie auf den Riesen, der verletzt am Boden liegt. Ahnungslos über seinen wahren Charakter päppelt Zeralda den Riesen mit köstlichen Speisen auf.

 

Tomi Ungerer zeichnet Seiten füllende, farbige Bilder mit wunderbaren Köstlichkeiten, Landschaften und Interieurs, teils im Stil der deutschen Romantik, einem Stil, an dem er zur gleichen Zeit für sein „Großes Liederbuch“ arbeitet, das 1975 erscheint. Für das großformatige Bilderbuch „Zeralda“ sucht er jedoch die Verbindung mit anderen, stark plakativen Akzenten. Zunächst zeichnet er die Konturen auf Transparentpapier, fertigt ein zweites Blatt mit Aquarellfarben und legt diese beiden Versionen übereinander.

 

Auch in diesem Buch gibt es ein gutes Ende. Zeralda folgt dem Riesen auf sein Schloss und kocht so gut, dass Kinder nicht mehr auf seinem Speiseplan stehen. Das rosenbekränzte Schlussbild zeigt den Riesen und Zeralda als Elternpaar mit vier Kindern. Eines von ihnen zeigt Ungerer allerdings in Rückenansicht mit einem rustikalen Essbesteck in den Kinderhänden.

 

Tomi Ungerer spielt in diesem Buch sowohl mit unterschiedlichen Ebenen der Erzählung, mit Kontrasten der Farben, der Proportionen, der stilistischen Mittel als auch mit Motiven des Märchens, der Spannung und des Fantastischen. Hier der behaarte Riesenkörper, dort die kleine Zeralda mit einem Rotkäppchenkopftuch. Manche der Bilder erinnern an traditionelle Märchenillustrationen, andere erschrecken mit einem zähnefletschenden Monsterriesen, der schon mal einen Sack voller Kinder über der Schulter trägt. Gegen Ende der Geschichte widmet Ungerer eine Doppelseite dem opulenten Mitternachtsimbiß, den Zeralda zubereitet hat, samt Menükarte und Kerzenständer. Das folgende Bild der schmausenden Menschenfresser lebt erneut von der augenzwinkernden Ambivalenz von Bedrohung und Spaß, die sich durch das ganze Buch zieht.

Kurzvita

Tomi Ungerer, geboren 1931 in Strassburg,gestorben 2019 in Irland, lebt hauptsächlich in Irland. Er gehört zu den international bekanntesten und bewunderten, lebenden Zeichnern. Große Teile seines vielfältigen Werkes aus über 140 Büchern und etwa 40 000 Zeichnungen haben seit 2007 eine Heimat im Musée Tomi Ungerer in Straßburg gefunden.

 

Ungerer zeichnet seit seiner Kindheit. Er besucht in den Jahren 1953 -1954 nur kurz die Ècole Municipale des Arts Décoratifs in Strassburg, arbeitet anschließend als Dekorationsmaler und Druckgrafiker und versteht sich selbst als Autodidakt. Sein Umzug 1956 nach New York, wo er zunächst als Werbegrafiker und Cartoonist seinen Lebensunterhalt bestreitet, wird prägend. Beeindruckt von Zeichnern wie Edward Gorey, William Steig oder Saul Steinberg erscheint 1957 sein erstes Kinderbuch „The Mellops go Flying“, das sogleich ausgezeichnet wird. Es folgen weitere Bilderbücher, eine Auszeichnung 1959 mit der Goldmedaille der New York Society of Illustrators, zahlreiche freie Arbeiten wie Sozialsatiren und Cartoons, freizügige, satirisch-erotische Zeichnungen und viele weitere Kinderbücher, insgesamt etwa 70.

 

1971 zieht Ungerer nach Nova Scotia in Kanada, um auf dem Lande in der Abgeschiedenheit vom New Yorker Kunstbetrieb zu leben. 1976 verlegt er seinen Lebensmittelpunkt nach Irland. Von Mitte der 70er bis weit in die 90er Jahre zeichnet Ungerer keine Kinderbücher. Mit „Otto“, einer Kindergeschichte zur Vertreibung der Juden durch die Nazis, meldet sich Tomi Ungerer 1999 als einer der ganz großen Kinderbuchkünstler zurück.

 

1998 erhält er die Hans-Christian-Andersen-Medaille, den international renommiertesten Preis auf diesem Gebiet, für sein Gesamtwerk im Bereich Kinder - und Jugendliteratur. Im Frühjahr 2015 ehrt ihn das New Yorker Drawing Center mit der Retrospektive “All in One“.

 

In einem Video auf der offiziellen Homepage betont er die Bedeutung des Wortes für seine Kinderbücher: „every word is a part of a possible poem“ und: es sei „the greatest luck in the world to be able to write and draw“. Seine Geschichten beginnen mit einer Idee, dann zeichne und schreibe er „and with the writing things come together“.

Literatur/Links

Offizielle Homepage 

 

Musée Tomi Ungerer

Musées de la Ville de Strasbourg, 2007

 

Museum Tomi Ungerer

Werkkatalog zur ständigen Ausstellung

Zürich: Diogenes 2008

 

Tomi Ungerer et New York

Straßburg: Musées de Strasbourg et Editions La Nuée Bleue 2001

 

Tomi Ungerer

Eine Retrospektive veranstaltet von Daniel Keel

Zürich: Diogenes 1991

 

Tomi Ungerer. Der schärfste Strich der Welt

In: Du. Das Kunstmagazin, Dez./ 2010

 

Maurice Sendak, 

Caldecott & Co. Gedanken zu Büchern und Bildern.

Franfurt/M.: S. Fischer, 1999, (S. 119 ff.)

NA: Hamburg: Aladin, 2013

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