Heinrich Hoffmann (1809 -1894)

Der Struwwelpeter in seiner ersten Gestalt

Leipzig: Insel, Insel-Bücherei, Nr.66. o.J. (EA 1933)
24 S., Nachdruck der handkolorierten Lithographien
18,5 x 12,3 cm, farb. Pd.

 

OA: Ausgaben der Jahre 1845 bis 1847

The book and its history

Diese Ausgabe des weltweit bekannten, deutschen Bilderbuchklassikers aus der Mitte des 19. Jahrhunderts unterscheidet sich stark von seinem  geläufigen Erscheinungsbild. Sie gibt einen Eindruck von den ursprünglichen, aquarellierten Zeichnungen, die der Arzt Heinrich Hoffmann für seinen kleinen Sohn zu Weihnachten 1844 angefertigt hat.

 

Der hier vorliegende Nachdruck der ersten Fassungen des “Struwwelpeter“ erschien erst knapp 90 Jahre später. Zuvor existierte das Buch nur in der späteren, durch industriell geprägten Massendruck hergestellten Form, die nach 1860 in Umlauf kam. “Der Struwwelpeter“ tritt von da an mit einem vollen, übergroßen Lockenkopf, weniger langen Fingernägeln und in kräftigen Farben auf dem Titelbild  auf.

 

Die erste Auflage kommt 1845 unter Pseudonym und mit dem Titel „Lustige Geschichten und drollige Bilder mit 15 schönen kolorierten Tafeln für Kinder von drei bis sechs Jahren“ heraus. Weiter ist zu lesen: “ Dies Alles fein malte und beschrieb/ Der lustige Reimerich Kinderlieb“. Diese erste Ausgabe enthält nach dem Vorspruch nur fünf Geschichten: Die Geschichte vom bösen Friedrich, Die Geschichte von den schwarzen Buben, Die Geschichte vom wilden Jäger, Die Geschichte vom Suppen-Kaspar, Die Geschichte vom Daumen-Lutscher und als letztes Blatt die Figur des Struwwelpeter.

 

Dieser ersten Auflage von 1500 Exemplaren, die nach nur vier Wochen vergriffen war, folgte bereits ein Jahr später die zweite, verbesserte und erweiterte Ausgabe, ab der dritten Auflage, 1847, erscheint das Buch unter dem heute geläufigen Titel und ab der fünften Auflage auch unter  Heinrich Hoffmanns Namen. Der hier vorgestellte Nachdruck folgt Ausgaben aus den Jahren 1845 bis 1847, die sich in Privatsammlungen befanden.

 

Die starke Veränderung des Bilderbuchs ist zum großen Teil den damals limitierten drucktechnischen Möglichkeiten geschuldet, die sich mit unseren modernen Methoden nicht vergleichen lassen. Nach den Originalzeichnungen werden damals Lithographien als Druckplatten angefertigt, deren Herstellung Hoffmann penibel überwacht, befürchtet er doch eine Art “Verbesserung“ seiner Figuren. Die vom Lithographen auf Stein erstellten Konturzeichnungen müssen separat gedruckt und in einem zweiten Druckvorgang um die Texte ergänzt werden. Die Farbgebung der Bilder erfolgt anschließend von Hand mit Schablonen in einer Kolorier-Anstalt. 

 

Wenige Jahre später wird zur Vereinfachung des Druckprozesses die neue Technik der Galvanographie eingesetzt, die eine Duplizierung der Druckplatten ermöglicht. Für deren Herstellung wird der Holzstich eingesetzt. Es findet also ein erneuter, zweiter Umsetzungsprozess der Originalzeichnungen von fremder Hand statt, was den großen Unterschied des von nun an in großen Auflagen verbreiteten “Struwwelpeter“ erklärt. Die Kolorierung erfolgt anfangs weiterhin manuell.

 

In seinem Beitrag für die damals weit verbreitete Zeitschrift “Die Gartenlaube“ (1871), schildert Hoffmann wie er zum “Kinderschriftsteller und Bilderbüchler“, so seine Selbstbeschreibung, wurde. Weil er kein geeignetes Buch für seinen dreijährigen Sohn Carl als Weihnachtsgeschenk findet - es gab nur “lange Erzählungen oder alberne Bilderbogen, moralische Geschichten, die mit ermahnenden Vorschriften begannen oder schlossen“ -  beschließt er, einige der Geschichten, die er kranken Kindern, um sie abzulenken, rasch auf ein Stück Papier zu zeichnen pflegte, in einem Schreibheft festzuhalten und kurze Verse dazu zu stellen, „alles unmittelbar und ohne schriftstellerische Absichtlichkeit.“ Der befreundete Verleger Carl Friedrich Loening überredet Hoffmann, ihm das kleine, handschriftlich erstellte Büchlein zum Druck zu überlassen.

 

Diese hier vorgestellte erste Fassung gibt einen Eindruck von Hoffmanns Zeichenstil, seiner leichten Linienführung und dem ursprünglichen Aufbau der Bildseiten. Mal strukturiert er die Seiten mit Ranken oder Rahmen und stellt die Textblöcke dicht neben die Szenen. “Die Geschichte von den schwarzen Buben“ gestaltet er dagegen bis auf das Schlussbild völlig frei auf der Seite und spielt mit den Größenverhältnissen. Der karikierende Strich und die Komik einzelner Szenen – das Häschen im Gebüsch, die weinenden Katzen, der herbeispringende Schneider mit der Riesenschere, um nur einiges zu nennen, – wirken in dieser ersten Version verspielter als in den späteren, in den Details ausgearbeiteten, teils grotesk-drastischen Formen. Mit seiner Art der Überzeichnung zielt Hoffmann auf das Absurde, Komische und auf den ungläubigen Lacher, der freilich auch im Halse stecken bleiben kann, ähnlich der ambivalenten Rezeption vieler Märchenstoffe.

 

Das kleine Bilderbuch erfährt bereits zu Lebzeiten Heinrich Hoffmanns  auch harsche Kritik. Die in Text und Bild dargestellten Folgen des anarchischen Widerstands werden als ernst gemeint und bedrohlich empfunden und für kleine Kinder als ungeeignet angesehen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts löst das Buch nochmals erbitterten Streit über das Angst fördernde Potential mancher Geschichten aus, ohne es jedoch dauerhaft aus den Kinderzimmern verbannen zu können.

 

Dieser Originalfassung sieht man den Gebrauch des Büchleins als Erzählstoff für das gemeinsame Anschauen mit einem Kind an. In seinen Lebenserinnerungen beschreibt der Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann, dass er das Buch vom Visuellen her entwickelt habe, nachdem die Geschichten zeichnend und erzählend entstanden waren. Unter diesem Gesichtspunkt erweist sich “Der Struwwelpeter“ auch als echter Vorläufer vieler in dieser Sammlung vorgestellten Bilderbücher. 

Biographical note

Heinrich Hoffmann, geboren 1809 in Frankfurt/Main, gestorben ebenda 1894. Der praktische Arzt und Psychiater wirkt von 1835 bis 1846 an der Frankfurter Armenklinik und von 1851 bis 1888 als Direktor der städtischen Nervenheilanstalt. Er gilt in Fachkreisen als erster Vertreter der Jugendpsychiatrie. Der Vater von drei Kindern veröffentlicht Gedichte und Theaterstücke bevor er 1844 die erste Fassung des Struwwelpeter für seinen ersten Sohn Carl in ein einfaches Schreibheft zeichnet und schreibt, die 1845 in gedruckter Form erscheint. Nach dem durchschlagenden Erfolg dieses ersten Bilderbuchs verfasst er weitere, die aber nicht auf die gleiche Resonanz stoßen, z.B. „König Nussknacker und der arme Heinrich" ,1851. Hoffmann fühlt sich selbst als dilettierender Dichter und Zeichner.

 

Literature/Links

www.struwwepeter-haus.de

Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Ein internationales Lexikon, hrsg. Bettina Kümmerling-Meibauer, Bd.2, S. 457ff, Stuttgart: Metzler 1999 ( mit umfangreichen Literaturangaben)

 

Beate Zekorn, Nachwort zur Ausgabe „Der Struwwelpeter in seiner zweiten Gestalt“, Berlin: Rütten & Loening, 1994

 

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